DIE LETZTEN ZEHN MINUTEN IM FALL INGA (5): Plötzlich war sie still – dann verschwand das Mädchen spurlos! Welches Detail wurde elf Jahre übersehen?
Es ist der Moment, an dem ein fröhlicher Familienausflug in einen bis heute ungelösten Albtraum umschlägt: Gegen 18.40 Uhr steht die fünfjährige Inga Gehricke noch gemeinsam mit zwei älteren Kindern an einem Spielpferd auf dem Wilhelmshof bei Stendal. Wenige Minuten später ist sie verschwunden.
Kein Hilferuf, kein zurückgelassener Gegenstand, keine gesicherte Spur. Doch ein Detail aus Ingas letzten Minuten beschäftigt die Ermittler bis heute: Kurz vor ihrem Verschwinden soll sich das sonst lebhafte Mädchen plötzlich ungewöhnlich ruhig, zurückhaltend und in sich gekehrt verhalten haben.
Warum veränderte sich Ingas Stimmung? Hatte sie etwas gesehen – oder war zuvor etwas geschehen, das niemand bemerkte?
Die letzten Aufnahmen von Inga Gehricke, bevor sie am 2. Mai 2015 bei Stendal spurlos verschwand.
Ein fröhlicher Ausflug nimmt eine rätselhafte Wendung
Am 2. Mai 2015 besuchte Inga gemeinsam mit ihren Eltern und Geschwistern befreundete Familien auf dem Gelände des Diakoniewerks Wilhelmshof. Das weitläufige Areal liegt abgeschieden bei Stendal, umgeben von einem großen Waldgebiet.
Nur eine Straße führt vom Wilhelmshof in Richtung Uchtspringe und weiter zur Bundesstraße 188. Diese geografische Lage macht den Fall bis heute besonders rätselhaft: Wer das Gelände verlassen wollte, hatte nur begrenzte Möglichkeiten – und hätte möglicherweise gesehen werden müssen.
Nach ihrer Ankunft verbrachten die drei befreundeten Familien den Tag gemeinsam. Die Kinder bewegten sich über das Gelände, spielten miteinander und hielten sich immer wieder im Bereich einer kleinen Grillecke nahe dem Waldrand auf.
Dort stand auch ein Spielpferd aus Metall. Genau an diesem Ort wurde Inga zuletzt gesehen.
Die Fünfjährige verschwand auf dem Wilhelmshof in Stendal, nahe Uchtspringe. Das Gelände der Diakonie ist umgeben von Wald und nur über eine einzige Zufahrtsstraße erreichbar.
Warum war Inga plötzlich so still?
Kurz vor 18 Uhr begannen die Erwachsenen mit den Vorbereitungen für das gemeinsame Abendessen. In der Rekonstruktion des Falls fällt dabei eine Beobachtung besonders auf: Inga soll plötzlich nicht mehr so ausgelassen gewesen sein wie zuvor.
Sie wirkte demnach still, zurückhaltend und in sich gekehrt.
Gegen 18.40 Uhr hielt sie sich mit zwei älteren Kindern am Spielpferd auf, beteiligte sich aber offenbar kaum noch am Spiel. Es ist das letzte bekannte Lebenszeichen der damals Fünfjährigen.
Die Polizei grenzt das Verschwinden offiziell auf den Zeitraum zwischen 18.40 und 18.50 Uhr ein. Polizei Sachsen-Anhalt
Innerhalb von höchstens zehn Minuten muss etwas geschehen sein.
Ging Inga allein in Richtung Wald? Folgte sie einer vertrauten Person? Wurde sie von jemandem angesprochen, den die anderen Kinder nicht beachteten? Oder befand sich ein fremdes Fahrzeug auf dem Gelände beziehungsweise an der einzigen Zufahrtsstraße?
XY-Szenenfoto: Bei einem fröhlichen Ausflug mit drei Familien ist Inga zunächst immer unter Aufsicht.
Trotz gewaltiger Suche kein einziger sicherer Hinweis
Unmittelbar nach dem Verschwinden begann eine groß angelegte Suche. Polizei, Suchhunde und Hubschrauber durchkämmten das Gelände und das angrenzende Waldgebiet.
Später wurden weitere Flächen systematisch abgesucht. Einsatzkräfte arbeiteten mit GPS-Geräten, um kontrollierte Bereiche exakt zu dokumentieren. Mehrere Teiche wurden abgepumpt und gemeinsam mit dem Technischen Hilfswerk von Hand untersucht.
Auch Spezialisten unterschiedlicher Fachrichtungen waren beteiligt:
- Experten der Operativen Fallanalyse
- Rechtspsychologen
- Archäologen und Geologen
- Mitarbeiter des Umweltamtes
- speziell geschulte Suchkräfte
Ein Rechtspsychologe führte zudem besondere Interviews mit Familienmitgliedern. Die Hoffnung: Durch gezielte Fragetechniken könnten Erinnerungen zurückkehren, die unmittelbar nach dem emotionalen Ausnahmezustand übersehen oder nicht richtig eingeordnet wurden.
Doch keine der Maßnahmen brachte bislang die entscheidende Antwort. Weder Inga noch ihre Kleidung oder ein eindeutig mit ihrem Verschwinden verbundener Gegenstand wurden gefunden.
Schlummert die entscheidende Spur auf einem alten Foto?
Die Cold-Case-Ermittler richten sich nun erneut an Menschen, die sich am 2. Mai 2015 in der Umgebung des Wilhelmshofs, bei Uchtspringe oder auf der Bundesstraße 188 aufgehalten haben.
Von besonderem Interesse sind alte Handyfotos, Videoaufnahmen und möglicherweise noch vorhandene Dashcam-Dateien. Entscheidend muss dabei nicht unbedingt Inga selbst zu sehen sein.
Auch scheinbar unbedeutende Details könnten wichtig werden:
- ein unbekanntes Fahrzeug am Straßenrand
- eine Person am Waldrand
- ein Wagen auf der Zufahrtsstraße
- ein Kind in Begleitung eines Erwachsenen
- eine Uhrzeit, die sich aus den Bilddaten rekonstruieren lässt
- auffällige Gegenstände oder Kleidungsstücke
Vielleicht wurde damals im Hintergrund eines Familienfotos etwas festgehalten, das niemand bemerkte. Möglicherweise befindet sich eine Aufnahme noch heute auf einer alten Speicherkarte, Festplatte oder in einem digitalen Fotoarchiv.
Tauchte nach dem 2. Mai irgendwo ein unbekanntes Mädchen auf?
Die Polizei fragt ausdrücklich, ob nach Ingas Verschwinden irgendwo ein blondes Mädchen auftauchte, das dort zuvor nicht gelebt hatte oder niemandem bekannt war.
Zum Zeitpunkt ihres Verschwindens war Inga etwa 1,18 Meter groß und von schlanker Statur. Sie hatte blaue Augen und mittelblonde, zu Zöpfen geflochtene Haare. Auffällig waren das Fehlen der beiden oberen Schneidezähne sowie Narben am Hinterkopf.
Sie trug eine ausgewaschene blaue Jeans, ein mintgrünes Langarmshirt mit Schmetterlingsmotiv und dunkelrosa bis violette Schuhe mit Klettverschlüssen. Im Haar befanden sich mehrere rosafarbene Spangen und auffällig neongelbe Haargummis.
Auch nach diesen Kleidungsstücken wird weiterhin gesucht.
Wer schwieg damals – und warum?
Besonders eindringlich richtet sich der aktuelle Zeugenaufruf an Menschen, die möglicherweise noch nie mit der Polizei gesprochen haben.
Vielleicht hielt jemand seine Beobachtung damals für unwichtig. Vielleicht bestand Angst, in die Ermittlungen hineingezogen zu werden. Denkbar ist auch, dass eine berufliche oder private Abhängigkeit verhinderte, dass sich eine Person meldete.
Die Ermittler interessieren sich zudem für widersprüchliche Erzählungen, verdächtige Gespräche und Chatnachrichten, in denen jemand Kenntnisse über Inga oder den Wilhelmshof zeigte, die nicht öffentlich bekannt waren.
Hinweise können nach Angaben der Polizei diskret behandelt werden. Sie nimmt die Polizeiinspektion Halle unter 0345 224-1291 oder per E-Mail an [email protected] entgegen.
Nach elf Jahren bleibt vor allem eine quälende Frage: Warum war Inga in ihren letzten beobachteten Minuten plötzlich so still – und wer könnte bemerkt haben, was unmittelbar danach geschah?




