Mordfall Fabian: Gina H. bricht ihr Schweigen – Anwalt erklärt ihre neue Taktik
Monatelang schwieg Gina H. zu dem schwerwiegenden Vorwurf, den achtjährigen Fabian getötet zu haben. Nun steht fest: Am 24. August will die Angeklagte erstmals selbst vor dem Landgericht Rostock sprechen. Doch ihre geplante Einlassung folgt einer Strategie, die bereits vorab für Diskussionen sorgt.
Gina H. will ihre Sicht ausführlich darstellen und angeblich mehrere Aussagen „richtigstellen“. Fragen des Gerichts, der Staatsanwaltschaft und der Nebenklage soll sie anschließend jedoch voraussichtlich nicht beantworten. Warum hat die Verteidigung bis fast zum Ende des Prozesses gewartet – und welche Punkte will die Angeklagte unbedingt erklären?
„Wir haben so lange gewartet …“
Verteidiger Thomas Löcker erklärt das späte Schweigen seiner Mandantin mit einer bewussten Entscheidung. Man habe zunächst abwarten wollen, was Zeugen, Ermittler und Sachverständige vor Gericht berichten.
„Wir haben so lange gewartet, damit sie auf die Aussagen der anderen reagieren kann“, sagte Löcker der „Bild“-Zeitung. Nun bestehe aus Sicht der Verteidigung offenbar erheblicher Erklärungsbedarf – insbesondere zu verschiedenen Abläufen, Zeugenaussagen und Gina H.s Beziehung zu Fabians Vater Matthias R.
Damit wird deutlich: Die Einlassung soll nicht nur eine allgemeine Erklärung werden. Sie dürfte gezielt auf jene Indizien und Aussagen eingehen, die Gina H. in den vergangenen Monaten belastet haben.

Nach langem Schweigen will sich die Angeklagte Gina H. selbst äußern. Obwohl die Beweise gegen sie sprechen, hält sie weiter an ihrere Unschuld fest. (Montage) © Bernd Wüstneck/dpa/Polizei
Sie will sprechen – aber keine Fragen beantworten
Nach bisherigen Angaben soll Gina H. ihre vorbereitete Erklärung persönlich vortragen. Die Einlassung könnte mehrere Stunden dauern, aber voraussichtlich nicht den gesamten Verhandlungstag beanspruchen.
Besonders brisant ist jedoch, was danach geschehen könnte: Gina H. soll vermutlich keine Fragen beantworten.
Damit könnten Staatsanwaltschaft und Nebenklage zwar hören, wie die Angeklagte die Geschehnisse darstellt – kritische Nachfragen zu möglichen Widersprüchen wären allerdings nicht möglich. Auch das Gericht könnte zentrale Unklarheiten nicht unmittelbar mit ihr besprechen.
Die Angeklagte darf von ihrem Schweigerecht Gebrauch machen. Dennoch wird genau dieser Punkt für Spannung sorgen: Wie überzeugend kann eine Erklärung sein, wenn sie anschließend keiner direkten Befragung standhalten muss?
Verteidiger Löcker hatte bereits betont, dass es sich bei der angekündigten Einlassung keinesfalls um ein Geständnis handeln werde. Seine Mandantin hält weiterhin an ihrer Unschuld fest. „Frau H. lebt in der Hoffnung, dass sich das alles aufklärt“, erklärte er.
Der Aussagetermin am 24. August wurde von Löcker bereits im Juli bestätigt. Ursprünglich war eine frühere Erklärung im Gespräch, doch die Verhandlungstage waren bereits mit weiteren Zeugen belegt. t-online
Auf diese belastenden Punkte muss Gina H. reagieren
Die Staatsanwaltschaft stützt ihre Anklage nicht auf einen einzelnen direkten Beweis, sondern auf eine Vielzahl von Indizien. Dazu zählen Zeugenaussagen, digitale Daten, Fahrzeugbeobachtungen und kriminaltechnische Untersuchungen.
Besonders folgende Punkte dürften in ihrer Einlassung eine Rolle spielen:
- Fasern eines Pullovers von Fabian, die auf Gegenständen aus Gina H.s Umfeld gefunden worden sein sollen
- Aufzeichnungen und Standortdaten ihres Mobiltelefons
- Aufnahmen, auf denen ihr auffälliger orangefarbener Geländewagen zu sehen sein soll
- ihre Internetrecherchen nach Polizeimeldungen und nach der Frage, ob Wildschweine tote Menschen fressen
- Gespräche über ein mögliches Alibi
- ihre mehrfachen Besuche am späteren Fundort, bevor die Polizei offiziell informiert wurde
- widersprüchliche Schilderungen darüber, warum sie ausgerechnet an diesem abgelegenen Tümpel nach Fabian gesucht habe
Von besonderem Interesse bleibt auch die Frage, warum Gina H. offenbar bereits am Abend vor dem offiziellen Leichenfund gemeinsam mit zwei Bekannten am Tümpel gewesen sein soll, die Polizei aber zunächst nicht verständigte.
All diese Punkte muss das Gericht im Zusammenhang bewerten. Keines der Indizien darf isoliert automatisch als Schuldbeweis betrachtet werden.
Welche Rolle spielte Fabians Vater?
Ein zentraler Teil der angekündigten Erklärung soll offenbar Gina H.s Verhältnis zu Matthias R. betreffen. Die Staatsanwaltschaft vermutet hier das mögliche Tatmotiv.
Gina H. und Fabians Vater waren rund vier Jahre lang ein Paar. Nach der Trennung im August 2025 soll sie verzweifelt versucht haben, ihn zurückzugewinnen. Matthias R. habe eine erneute Beziehung zunächst abgelehnt, weil er seinen Kontakt zu Fabian nicht gefährden wollte.
Nach Auffassung der Anklage könnte Gina H. den Jungen deshalb als Hindernis betrachtet haben. Sie soll Fabian am 10. Oktober 2025 aus der Wohnung seiner Mutter gelockt, zu einem abgelegenen Tümpel bei Klein Upahl gebracht und dort mit sechs Messerstichen getötet haben. Anschließend soll sie den Leichnam teilweise verbrannt haben.
Gina H. bestritt bereits in einem überwachten Telefonat, Fabian etwas angetan zu haben, und erklärte, keinen Grund dafür gehabt zu haben. NDR
Ausgerechnet im Gefängnis fanden sie wieder zusammen
Für zusätzliche Irritation sorgt, dass Matthias R. und Gina H. während ihrer Untersuchungshaft erneut ein Paar geworden sein sollen. Der Vater besucht sie im Gefängnis, versorgt ihre Pferde und hält sie weiterhin für unschuldig.
Gleichzeitig ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen des Verdachts einer uneidlichen Falschaussage. Hintergrund sind mögliche Widersprüche zwischen seinen früheren Angaben bei der Polizei und seiner späteren Aussage vor Gericht. Ein Tatverdacht im Zusammenhang mit Fabians Tod ergibt sich daraus nicht.
Doch genau diese ungewöhnliche Beziehungskonstellation könnte Gina H. in ihrer Einlassung neu darstellen wollen. Wird sie erklären, warum Matthias R. trotz der Vorwürfe an ihrer Seite bleibt? Und kann sie die von der Staatsanwaltschaft angenommene Motivlage tatsächlich erschüttern?
Der Prozess nähert sich seinem entscheidenden Moment
Nach dem geplanten Aussagetermin am 24. August sind regulär noch fünf weitere Verhandlungstage vorgesehen. Ein Urteil könnte bereits am 10. September fallen.
Bis dahin gilt für Gina H. uneingeschränkt die Unschuldsvermutung. Das Gericht muss sämtliche Aussagen, Indizien und Gutachten sorgfältig gegeneinander abwägen.
Doch der 24. August könnte zum entscheidenden Tag ihrer Verteidigung werden. Nach Monaten des Schweigens erhält Gina H. die Möglichkeit, ihre Version zu präsentieren.
Ob ihre Worte tatsächlich Antworten liefern – oder durch die verweigerten Nachfragen nur noch größere Zweifel entstehen lassen –, könnte den gesamten weiteren Verlauf des Prozesses prägen.





