Mario Adorf wird 95: „One-Night-Stands waren normal“- so offen spricht er über sein bewegtes Leben

Mario Adorf blickt auf sein Leben zurück  | © Getty Images

Mario Adorf blickt auf sein Leben zurück  | ©Getty Images

Volles, schneeweißes Haar, klare, schelmisch zwinkernde Augen und ein blitzgescheiter Geist – so kennen Millionen Weltstar Mario Adorf (94). Heute sitzt er auf der Terrasse seines Sommerhauses, Ehefrau Monique (81) serviert Kaffee und Gebäck. Mit HÖRZU blickt er zurück auf sein Leben: Seine Karriere, seine wilden Jahre in Rom, Freunde, Liebschaften und Feinde.

„Mein Leben ist keine Tragödie“

HÖRZU: Herr Adorf, wenn Ihr Leben ein Drehbuch wäre – welches Genre stünde wohl oben?
Adorf: 
Mein Leben ist von allem etwas, aber keine Tragödie. Mehr zwischen Komik und Drama.

HÖRZU: In der Anfangszeit Ihrer Karriere spielten Sie oft Filmbösewichte, ermordeten als „Santer“ etwa Winnetous Schwester. Später wurden Sie zu einer tragenden Rolle des neuen deutschen Films – man denke nur an „Die Blechtrommel“ oder Rainer Werner Fassbinders „Lola“. Wie hat sich das ergeben?
Adorf: Ich sah das damals schon als eine sich anbahnende Entwicklung – nicht getrieben vom Ehrgeiz, sondern einfach durch die Tatsache, dass das, was ich machte, gefiel. Meine erste Rolle war die des „Gefreiten Wagner“ in „08/15“. Zwar wurde ich dabei nicht namentlich im Abspann des Films erwähnt, aber der kleine Auftritt hatte durchaus seinen Anteil am Erfolg. Denn ich wurde dadurch einer großen Produzentin vorgestellt und war plötzlich so etwas wie ein Glücksbringer für „08/15“, der ein Erfolg wurde.

Mario Adorf erinnert sich im HÖRZU-Interview an die vielen Stationen seines Lebens | ©HÖRZU

HÖRZU: Für die Rolle des Santer in „Winnetou I.“ bekamen Sie 60.000 Mark. War das damals eine hohe Gage?
Adorf: Das war mittel – aber immerhin schon ganz ordentlich. Ende der 50er Jahre hatte es nämlich einen – eigentlich ungesetzlichen – Gagenstopp gegeben. Karlheinz Böhm etwa wurde zu jener Zeit von 120.000 Mark auf 80.000 Mark heruntergestuft. Ich hingegen hatte 1957 beim Dreh von „Das Totenschiff“ bereits 30.000 Mark bekommen, und war der Einzige, bei dem es weiter hoch ging. Zuerst auf 40.000 Mark und dann, bei „Winnetou I.“ auf 60.000 Mark.

HÖRZU: In „Major Dundee“ hatten Sie 1964 eine Hollywoodrolle. Warum sind Sie nie ganz rübergegangen?
Adorf: Da ging es mir wie Senta Berger! Die ganze Atmosphäre, die Umgebung, das war nicht unsere Sache – es herrschte einfach ein enormer Ehrgeizdruck, bis in die Spitzen. Außerdem wird man in Hollywood schnell bescheiden. Ich merkte rasch, wie viele Schauspieler es gab, die mir vom Typ ähnelten, aber besser waren. Sie konnten etwa Akrobatik und Tanzen. Also fragte ich mich: Was soll ich hier? Außerdem bekam ich zu der Zeit viele Angebote aus Italien und einige aus Deutschland.

HÖRZU: Ab 1965 lebten Sie tatsächlich lange in Rom. War das „La Dolce Vita“ pur?
Adorf: Ja, doch – das war eindeutig die schönste Zeit meines Lebens. Schon früh lernte ich meine Frau Monique kennen. Es war eine sorglose, wunderbare, leichtlebige Zeit, die man wirklich genießen konnte. Damals schien es, als hätte das ganze Kino-Hollywood seinen Sitz nach Rom verlegt. Man begegnete den großen Stars einfach auf der Straße. Für mich war das meine „Endjugend“ – und ich genoss sie in vollen Zügen.

HÖRZU: Laut dem Ex-Societyreporter Michael Graeter waren Sie damals ein „Terminator“ im „Wettbewerb um Amore“.
Adorf: Da hat der gute Graeter wohl übertrieben. Allerdings war der One-Night-Stand damals eine Normalität.

 

HÖRZU-Chefreporter Mike Powelz mit Mario Adorf im Interview

HÖRZU: 1967 drehten Sie „Die Übersinnliche“ mit Sophia Loren. Sind Sie mit ihr, immerhin bald 91, noch in Verbindung?
Adorf: Nein. Der Kontakt war von Anfang an schwierig, sie war sehr abgeschottet. Es war eine rein kollegiale Zusammenarbeit, die ins Private nicht den geringsten Abstecher erlaubte – von ihrer Seite nicht. Ich habe sie als außerordentlich professionelle Schauspielerin kennengelernt. Aber sie konnte Grenzen setzen. Eine herzliche Beziehung entstand nicht.

HÖRZU: Pflegen Sie generell noch Kontakte zu Weggefährten?
Adorf: Kaum. Während der Dreharbeiten ist man verbunden, doch danach kommen neue Projekte, neue Menschen. Freundschaften zu halten war mein Manko. Ich war immer ein Einzelgänger.

HÖRZU: Stichwort Dieter Wedel. Standen die Zeichen vor Wedels Tod doch noch mal auf Versöhnung? Haben Sie sich noch vertragen?
Adorf: Nein. Es gibt nur zwei Menschen, von denen ich mich zutiefst getroffen, beleidigt, ja, verraten gefühlt habe: dieser Wedel – und noch ein Zweiter, den ich aber nicht nenne. Denn das würde ein Fass aufmachen – der Mann ist nicht unbekannt.

Mario Adorf: Darum verließ er Italien

HÖRZU: Nach 40 Jahren verließen Sie Italien. Warum?
Adorf: Hauptgrund war Berlusconi. Als er zum dritten Mal gewählt wurde, wusste ich: „Da sollte ich weg hier.“

HÖRZU: Und Ihr heutiger Blick auf Italien – etwa auf Giorgia Meloni?
Adorf: Na ja, immer noch mit Sorge – obwohl keine große Sorge, nicht? Die Italiener sind nun mal Rechte, sind nun mal Faschisten. Ja. Wie die Franzosen Royalisten sind – merkwürdigerweise. Die bringen im französischen Fernsehen jeden Tag lange Berichte, ganze Filme über das englische Königshaus. Eine Sehnsucht. Dabei haben sie den Royalismus mit der Revolution abgeschafft – und jetzt trauern sie auf sentimentale Weise irgendwie hinterher. Ganz merkwürdig.

Jetzt sagt er die Wahrheit über „Der Pate“

HÖRZU: Gab es eigentlich mal eine Rolle, die Sie ausgeschlagen haben und was Sie später bereut haben?
Adorf: Ja, eine bei Billy Wilder im Film „Eins, Zwei, Drei“. Außerdem gibt es noch das Gerücht, ich hätte eine Rolle in „Der Pate“ abgesagt. Das stimmt aber nicht. In Wirklichkeit hatte ich bloß ein Gespräch mit Coppola, und als er mich fragte, ob ich eine konkrete Rolle im Kopf hätte, nannte ich Sonny, einen der Söhne des Paten. Da sagte er: „Die Rolle ist schon mit James Garner besetzt. Eine andere passende Rolle fanden Sie nicht?“ Ich sagte dann einfach: „Nein“ – worauf es hieß: „auf Wiedersehen.“ Das war aber keine Absage meinerseits, sondern ein normales Regiegespräch. Hätte ich eine andere Rolle gewollt, hätte ich sie spielen können – aber ich hatte eben diese eine im Kopf.

1986 wird „Kir Royal“ zum Erfolg. Im Bild (v.li.): Mario Adorf, Dieter Hildebrandt, Franz Xaver Kroetz | ©ORF

Klare Ansage! Darum würde Mario Adorf zu keiner deutschen Preisverleihung mehr gehen

HÖRZU: Die Coronapandemie hat Sie ausgebremst. Sie hatten noch drei Filme geplant, darunter einen mit Michael Caine. Danach kamen keine Angebote mehr. Ist jetzt Stillstand – oder würden Sie nochmal „Ja“ sagen, wenn was Passendes käme?
Adorf: Ich bin ohne jeden Ehrgeiz in dieser Richtung – und ohne jede Hoffnung. Ich müsste mir sehr genau überlegen, ob ich es physisch überhaupt noch schaffe. Aber es muss nicht sein.

HÖRZU: Könnten Sie sich vorstellen, noch einmal im deutschen Fernsehen in einer großen Show aufzutreten – als Ehrengast oder bei einer Preisverleihung?
Adorf: Nein. Das habe ich immer vermieden – dieses Sitzen auf dem dekorierten Sessel mit Goldlehne und dann all die Lügen entgegenzunehmen.

HÖRZU: Ihre Rolle des Lebens?
Adorf: Vielleicht in „Die Blechtrommel“ – wegen des Erfolgs. Oder Stanley Kowalski in „Endstation Sehnsucht“ auf der Bühne. Und heimlich liebe ich die Komödie „Bomber und Paganini“ mit Tilo Prückner.

HÖRZU: Der ikonischste Satz Ihrer Karriere?
Adorf: „Ich scheiß’ dich so was von zu mit meinem Geld“ – die legendäre Haffenloher-Szene aus „Kir Royal“. Das ist wohl der Satz, der von mir bleiben wird. Vielleicht sogar der einzige.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Back to top button

Adblock Detected

Please consider supporting us by disabling your ad blocker