Zoff um Rettungsversuch von Wal „Timmy“: Reederei dreht den Spieß um – Vorwürfe gegen Tierärztin

Der Streit um die Freilassung von Buckelwal „Timmy“ spitzt sich zu. Die Schiffscrew wehrt sich nun gegen schwere Anschuldigungen.
Hamburg – Deutschlands berühmtester Wal ist tot, doch der Konflikt um seine Rettung lebt weiter. Wochenlang hatte der in der Ostsee gestrandete Buckelwal „Timmy“ das Land bewegt. Was zunächst als Erfolgsgeschichte gefeiert wurde, entpuppt sich nun als Streit zwischen Helferinnen und Helfern des Rettungsversuchs in der Nordsee sowie der Reederei.

Im Zentrum des Konflikts steht Dr. Kirsten Tönnies. Die Tierärztin hatte schwere Vorwürfe auch bei uns im Interview erhoben und behauptet, ihr sei das Filmen an Bord verboten worden. Zudem habe die Besatzung sie eingeschüchtert. Die Aussagen hatten offenbar Folgen: Crewmitglieder berichten von Drohungen, Hassbotschaften und sogar Morddrohungen. Nun haben sie sich rechtlichen Beistand geholt.
Reederei kontert Vorwürfe von Tönnies bei „Timmy“-Freilassung
Die JEB Bereederungsgesellschaft mbH & Co KG aus Elsfleth hat über die Hamburger Kanzlei Cronemeyer Haisch ein presserechtliches Informationsschreiben veröffentlicht. Darin stellt sie unmissverständlich klar: Ihre Schiffe „Fortuna B“, „Robin Hood“ und „Arne Tiselius“ waren ausschließlich für Transport und Unterkunft zuständig. Für die eigentliche Freilassung des Wals zeichnete ein eigens beauftragtes Bergungsunternehmen verantwortlich – gemeinsam mit der Privatinitiative.
Martin Bocklage, der Kapitän der „Robin Hood“, äußerte sich bereits im Nordkurier zu den Vorwürfen und dem Hass, der ihm in sozialen Netzwerken entgegenschlägt. Er betonte, dass er „wie ein Taxifahrer“ engagiert worden sei, um den Buckelwal in einer am Heck befestigten Vorrichtung in tiefere Gewässer zu bringen. Er verteidigte sich damit, dass er lediglich den Anweisungen der Fachleute gefolgt sei. „Die Experten haben sich unentwegt gestritten und keine wirkliche Idee gehabt, was zu tun ist“, fügte er hinzu.
Wal-Freilassung war wohl anders geplant
Ein Detail, das bislang kaum Beachtung fand: Der Plan sah laut dem Informationsschreiben der Reederei vor, „Timmy“ rückwärts in die Barge zu führen. So hätte er auf hoher See einfach herausschwimmen können. Doch der Buckelwal schwamm eigenständig und vorwärts hinein. Damit war das gesamte Freilassungskonzept hinfällig. Der Grund ist simpel: Wale können nicht rückwärts schwimmen. Laut Reederei wussten alle Beteiligten davon.
Am Abend des 1. Mai trafen Kapitäne, der Leiter des Bergungsteams und Jeffrey Foster – von der Initiative als Entscheidungsträger benannt – eine gemeinsame Absprache. Tierärztin Dr. Anne Herrschaft gab die Freilassung frei und informierte noch am selben Abend Initiativensprecherin Karin Walter-Mommert telefonisch. Diese habe ihr Einverständnis erklärt, so die Kanzlei. Am nächsten Morgen um 7 Uhr wurde der Plan umgesetzt.
Wal wurde laut Foster mit „roher Gewalt“ ans Heck getrieben
Zwischen Foster und der Crew entstanden offenbar Differenzen. Laut dem Bericht des „Whale Sanctuary Projects (WSP)“ wollte der frühere Walfänger Foster an der vereinbarten Methode zur Freilassung festhalten. Diese sah vor, die Geschwindigkeit des Schiffs zu drosseln und den Wal manuell zum Heck zu bewegen. Der Kapitän entschied sich jedoch für eine andere Vorgehensweise und verweigerte Fosters Team den Zugang. Am Vortag hatte Foster zudem „sichtbare Verletzungen“ an „Timmy“ entdeckt.

In einem Interview mit der Influencerin Nicolette DeVidar, das auf X veröffentlicht wurde, erhob Foster schwere Vorwürfe gegen die Crew bezüglich der Freilassung. Er musste tatenlos zusehen und beobachtete aus der Ferne, wie der Wal mit „roher Gewalt“ zum Heck der Barge getrieben wurde.
Reederei äußert scharfe Kritik an Tierärztin Tönnies nach Einsatz um Wal „Timmy“
Tönnies berichtete zudem, dass Foster das Fotografieren und Filmen untersagt wurde. Ein Kapitän soll ihm sogar gedroht haben, sein Handy über Bord zu werfen. Die Reederei wies diese Behauptung als frei erfunden zurück. Tatsächlich durfte er beim Übersetzen auf die Barge bei starkem Seegang nicht filmen, um sich mit beiden Händen festhalten zu können.
Dr. Tönnies hatte ebenfalls angegeben, dass ihr das Filmen verboten worden sei und sie sich von der Crew eingeschüchtert fühlte. Auch hier widersprach die Reederei: Das Filmen der Crewmitglieder wurde lediglich zum Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte untersagt. Der Kapitän bot dem Medienvertreter Schwarck sogar an, ihm Starlink-Satelliteninternet für bessere Übertragungsbilder zur Verfügung zu stellen.
„Das Mistvieh ist weg“ – wer hat das gesagt?
Die Reederei wies auch den Vorwurf zurück, die Crew habe sich gleichgültig oder tierverachtend verhalten. Der zitierte Satz „Endlich, das Mistvieh ist jetzt weg“ stamme nicht von Crewmitgliedern. An Bord der „Fortuna B“ hätten nur zwei Personen Deutsch gesprochen: Steuermann und Kapitän. Beide bestreiten die Äußerung.
Scharfe Kritik richtet sich auch an das Verhalten von Tönnies, die erhebliche Konflikte an Bord geschildert hatte. Die Zusammenarbeit mit ihr hätten „Beteiligte als höchst belastend, konfrontativ und wenig lösungsorientiert empfunden“, heißt es in dem Schreiben. Der Wal ist tot, doch die Debatten dauern weiter an. Tierärztin Tönnes hat bisher nicht darauf reagiert. (Quelle: Presserechtliches Informationsschreiben für die JEB Bereederungsgesellschaft mbH & Co KG und deren Crew) (mt)




