Wal-Experte zerreißt neues Rettungskonzept für „Timmy“ – „Das wird fatal sein“ – Und das ist der Grund.

Buckelwal „Timmy“ soll per Barge in die Nordsee transportiert werden. Tierschützer halten das Vorhaben für nicht tolerierbar – und fürchten das Schlimmste.
Poel – Rege Betriebsamkeit herrscht aktuell in der Ostsee. Seit Tagen bereitet eine private Initiative um Mediamarkt-Millionär Walter Gunz einen neuen Rettungsversuch für Buckelwal „Timmy“ vor. Am Dienstag (28. April) soll der Plan umgesetzt werden. Etablierte Fachleute äußern jedoch massive Kritik an dem Vorhaben.

Der tonnenschwere Meeressäuger soll durch eine 100 Meter lange Rinne in einen speziellen Lastkahn geführt werden. Am Heck des Kahns befindet sich eine Öffnung, dahinter eine mit Wasser gefüllte Schute – ein flacher Schwimmcontainer ohne eigenen Antrieb, der von Schubbooten manövriert wird. Chef-Taucher Fred Babbel beschreibt das Konstrukt im NDR als „eine Art Aquarium aus Stahl“.
Aktuelles Rettungskonzept für „Timmy“: Wie soll der Ostsee-Wal überhaupt in die Barge gelangen?
Genau diese Barge könnte jedoch zum Verhängnis für „Timmy“ werden, befürchten Experten. „Die Überlebenschancen beim Transport schätzen wir extrem gering ein“, erklärt ein Sprecher der Tierschutzorganisation Sea Shepherd auf Nachfrage von Merkur.de von Ippen.Media.
Bereits der erste Schritt bereitet den Fachleuten Sorgen. „Es beginnt schon mit der Frage: Wie bekommt man das Tier in die Barge?“, so der Sea-Shepherd-Sprecher. Laut NDR plant die Gruppe, den Wal notfalls mit Schlingen zu „unterstützen“. Ein Wort, das Sea Shepherd wohl auf andere Art formulieren würde. „Der Wal wird kämpfen, da nicht reinzukommen. Er wird kaum von allein in eine enge Sackgasse schwimmen“, erklärt der Sprecher: „Dahingehend kam jetzt der Plan auf, ihn rückwärts zu ziehen. Das wird fatal sein.“ Das Vorhaben sei „nicht mehr tolerierbar“.
Transport von Ostsee in die Nordsee: Drei Tage Fahrt bei fünf bis sechs Knoten – „Extrem viel Stress“
„Ich kann mir kein Szenario vorstellen, in dem der Wal das überlebt“, gesteht der Fachmann. Bei einer Geschwindigkeit von fünf bis sechs Knoten dauert die Fahrt in die Nordsee seiner Schätzung zufolge drei Tage. Extrem viel Stress über eine extrem lange Zeit.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Die Schute wird nicht geschleppt, sondern von hinten geschoben. „Dadurch übertragen sich die Vibrationen in das Wasserbecken, in dem der Wal liegen soll. Das ist, als würden Menschen mit einem Vorschlaghammer von außen dagegenschlagen“, erklärt der Sprecher von Sea Shepherd und fragt: „Das soll ein so empfindliches Tier drei Tage überstehen?“
Selbst bei erfolgreicher Ankunft in der Nordsee – Prognose für Wal „Timmy“ bleibt düster
Sollte der Buckelwal den Transport von der Ostsee in die Nordsee überleben, bleibt die wissenschaftliche Prognose schlecht. „Die Wahrscheinlichkeit, dass er sich nicht lange an der Oberfläche halten kann und dann absinkt, ist sehr hoch. Der Buckelwal hat durch die mehrfachen Strandungen gezeigt, dass er nicht mehr schwimmen kann. In tiefem Wasser wird er auf Grund sinken und ersticken“, befürchtet Sea Shepherd.
Grundsätzlich zeigt sich der Verein, wie beinahe alle etablierten Meeresschutzorganisationen, extrem kritisch gegenüber den aktuellen Rettungsbemühungen. „Man mutet dem Tier seit Tagen unfassbaren Stress zu. Das sind Beteiligte, die nicht wissen, was sie tun. Sie bringen sich in Lebensgefahr, weil die Personen vor Ort nicht über die nötige Qualifizierung im Umgang mit Großwalen verfügen“, so der Sprecher. Zwei Taucher waren von der Flosse des Wals getroffen worden.
Umweltminister Backhaus duldet Aktion – Sea Shepherd sieht Tierwohl verletzt
Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus betonte mehrfach, die Aktionen nicht genehmigt zu haben, sondern sie lediglich zu dulden. Die Verantwortung verweist er an die Privatinitiative. Dennoch werden Konzepte geprüft, bevor sie umgesetzt werden dürfen. Das Tierwohl sei die rote Linie, heißt es aus dem Ministerium.
„Es ist aus unserer Sicht absolut nicht mit dem Tierwohl vereinbar, was gerade passiert und was geplant ist“, kritisiert Sea Shepherd allerdings. „‚Minimalinvasiv‘, wie es Umweltminister Backhaus immer wieder nennt, ist es auf keinen Fall.“ Ganz ähnlich hatte sich die Whale & Dolphin Conservation bereits vor dem Wochenende geäußert, Greenpeace übte ebenfalls wiederholt Kritik.
Der Wal-Experte schließt: „Was wir im Livestream verfolgen können, bestärkt uns in der Annahme, dass die Beteiligten dem Tier möglicherweise große Qualen zufügen. Schon jetzt.“ Nächstes Kapitel: Der geplante Transport per Barge in die Nordsee. (Quellen: NDR, dpa, Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommern, Sea Shepherd) (moe)




