NEUE SPUR NACH ELF JAHREN? Polizeitaucher steigen in einen verschlammten Teich – Was sie gefunden haben, verfolgt alle!
Fast neuneinhalb Jahre nach dem rätselhaften Verschwinden der fünfjährigen Inga Gehricke rückte plötzlich ein unscheinbarer Tümpel in der Nähe des Wilhelmshofs in den Mittelpunkt der Ermittlungen.
Taucher der Landesbereitschaftspolizei stiegen in das schlammige Gewässer hinab. Sie suchten nach Kleidungsstücken, persönlichen Gegenständen oder anderen Spuren, die mit dem Mädchen in Verbindung stehen könnten.
Das besonders Brisante: Nach damaligen Angaben der Polizeiinspektion Halle war dieser Teich während der groß angelegten Suchaktion im Jahr 2015 offenbar nicht untersucht worden.
Warum wurde das Gewässer erst so viele Jahre später überprüft? Gab es einen neuen Hinweis? Oder wollten die Cold-Case-Ermittler lediglich eine bislang offene Lücke in den Akten schließen?
Polizeitaucher kämpfen sich durch einen verschlammten Tümpel
Der Einsatz fand im Oktober 2024 in der Umgebung des Wilhelmshofs bei Stendal statt – jenem abgelegenen Gelände, auf dem Inga am 2. Mai 2015 zum letzten Mal gesehen wurde.
Das Gewässer soll stark verschlammt gewesen sein. Für die Taucher bedeutete das äußerst schwierige Bedingungen: kaum Sicht, dichter Schlamm am Grund und zahlreiche natürliche Gegenstände, die vorsichtig überprüft werden mussten.
Gesucht wurde nach allem, was einen Bezug zu Inga haben könnte. Dazu zählten insbesondere Kleidungsstücke, Schuhe oder andere persönliche Gegenstände.
Auch die Möglichkeit, auf menschliche Überreste zu stoßen, musste bei einer solchen Maßnahme berücksichtigt werden.
Jeder gefundene Gegenstand hätte zunächst gesichert, dokumentiert und anschließend forensisch untersucht werden müssen. Selbst ein kleines Stück Stoff hätte möglicherweise ausgereicht, um neue Untersuchungen einzuleiten.
Doch der Einsatz endete ohne den erhofften Fund.
Nach Angaben der Polizei wurde in dem Teich nichts entdeckt, das den Vermisstenfall voranbringen konnte. Einen konkreten neuen Hinweis, der zu der Suche geführt hatte, soll es ebenfalls nicht gegeben haben. MDR
Warum wurde der Teich 2015 offenbar nicht durchsucht?
Diese Frage beschäftigt bis heute viele Menschen.
Unmittelbar nach Ingas Verschwinden lief eine der größten Suchaktionen der Region an. Hunderte Polizisten, Feuerwehrleute und freiwillige Helfer durchkämmten das Gelände sowie die umliegenden Wälder.
Spürhunde und Hubschrauber kamen zum Einsatz. Gebäude, Fahrzeuge und Grundstücke wurden kontrolliert. Das Suchgebiet erstreckte sich über Tausende Hektar.
Trotz dieses gewaltigen Einsatzes blieb der nun untersuchte Tümpel offenbar außen vor.
Ob das Gewässer damals nicht bekannt war, als nicht relevant eingeschätzt wurde oder wegen seiner schwierigen Beschaffenheit nicht überprüft werden konnte, wurde öffentlich nicht näher erläutert.
Der spätere Tauchereinsatz bedeutet deshalb nicht automatisch, dass die damaligen Ermittler eine konkrete Spur übersehen hatten. Er zeigt jedoch, wie schwer es ist, in einem weitläufigen Waldgebiet wirklich jeden denkbaren Ort vollständig auszuschließen.
Für die neue Ermittlungsgruppe war offenbar entscheidend, diese offene Frage nicht länger unbeantwortet zu lassen.
Das rätselhafte Verschwinden am Wilhelmshof
Inga war fünf Jahre alt, als sie gemeinsam mit ihrer Familie Freunde auf dem Gelände des Diakoniewerks Wilhelmshof besuchte.
Mehrere Familien verbrachten dort den Tag. Die Kinder spielten auf dem weitläufigen Grundstück, während die Erwachsenen am frühen Abend das gemeinsame Essen vorbereiteten.
Gegen 18.40 Uhr hielt sich Inga mit zwei älteren Kindern in der Nähe eines Spielpferdes aus Metall auf. Kurz darauf wurde bemerkt, dass sie verschwunden war.
Innerhalb weniger Minuten verlor sich jede Spur.
Der Wilhelmshof liegt abgeschieden in einem großen Waldgebiet. Nur eine Zufahrtsstraße verbindet das Gelände mit Uchtspringe und der Bundesstraße 188.
Gerade diese Abgeschiedenheit macht den Fall so rätselhaft.
Wenn Inga das Gelände allein verlassen hätte, hätte sie sich durch dichtes Waldgebiet bewegen müssen. Gleichzeitig gab es nur wenige Wege, über die eine andere Person das Mädchen mit einem Fahrzeug hätte fortbringen können.
Trotzdem meldete sich bislang kein Zeuge mit einer Beobachtung, die zweifelsfrei erklärt, was an diesem Abend geschah.
Cold-Case-Ermittler rollen alles neu auf
Seit Mai 2023 wird der Fall von der Ermittlungs- und Prüfgruppe „Cold Case Wald“ der Polizeiinspektion Halle neu untersucht.
Die Beamten gehen alte Vernehmungen, Karten, Fotos und Suchprotokolle erneut durch. Dabei prüfen sie auch, welche Flächen, Gebäude und Gewässer damals tatsächlich untersucht wurden.
Der Tauchereinsatz war somit offenbar Teil einer systematischen Überprüfung des gesamten früheren Vorgehens – und nicht das Ergebnis einer bestätigten neuen Spur.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Eine konkrete Zeugenaussage, die Inga an dem Teich verortete, wurde nicht bekannt. Ebenso gibt es keine öffentliche Bestätigung, dass ein Gegenstand oder ein Fahrzeug in der Nähe des Gewässers beobachtet wurde.
Die Suche sollte vielmehr sicherstellen, dass dort keine mögliche Spur unentdeckt geblieben war.
Spezialhunde schlugen zuvor in der Umgebung an
Bereits Ende 2023 hatte es neue Suchmaßnahmen am Wilhelmshof gegeben.
Spezielle Hunde hatten an einem Ort in der Umgebung angeschlagen. Daraufhin begann die Polizei mit Grabungen. Dabei wurden tatsächlich Knochen entdeckt.
Die anfängliche Hoffnung auf eine bedeutende Spur wich jedoch schnell einer ernüchternden Erkenntnis: Die Untersuchung ergab, dass die Knochen nicht menschlichen Ursprungs waren.
Auch weitere Suchen in den Waldgebieten rund um den Wilhelmshof verliefen ohne Ergebnis.
Im März 2024 durchkämmten Einsatzkräfte erneut größere Flächen. Im Oktober folgte die Untersuchung des Tümpels. Im Februar und März 2025 wurden weitere Waldstücke mit zahlreichen Beamten und Metallstäben systematisch abgesucht.
Weder Kleidungsstücke noch andere Gegenstände, die eindeutig Inga zugeordnet werden konnten, wurden dabei gefunden.
Dennoch waren diese Einsätze nicht bedeutungslos. Jeder überprüfte Ort kann aus der Liste der offenen Möglichkeiten gestrichen werden. Dadurch wird das Suchgebiet Stück für Stück eingegrenzt.
Das Ergebnis ist ernüchternd – aber nicht das Ende
Die Taucher fanden in dem Tümpel keine Spur von Inga.
Damit lieferte der Einsatz keine Antwort auf die Frage, was mit dem Mädchen geschah. Gleichzeitig konnte jedoch zumindest dieser Ort nachträglich genauer überprüft werden.
Für die Familie bedeutet jede neue Suche einen kaum vorstellbaren Wechsel zwischen Hoffnung und Angst.
Wenn Einsatzkräfte anrücken, könnte das endlich die langersehnte Wende bedeuten. Doch jede ergebnislose Maßnahme bringt erneut die schmerzhafte Gewissheit, dass die zentralen Fragen weiterhin offenbleiben.
Wo ging Inga nach 18.40 Uhr hin?
Verließ sie den Wilhelmshof allein?
Folgte sie einer Person, die sie kannte?
Oder wurde sie von jemandem angesprochen und innerhalb weniger Minuten vom Gelände weggebracht?
Bis heute gibt es keine öffentlich bestätigte Antwort.
Neue Hinweise nach „Aktenzeichen XY“
Im Sommer 2026 erhielt der Fall erneut große Aufmerksamkeit.
Nachdem Ingas Verschwinden am 29. Juli in „Aktenzeichen XY … ungelöst“ rekonstruiert worden war, gingen rund 170 Hinweise ein. Zehn davon bezeichneten die Ermittler als besonders wichtig und interessant.
Einige Meldungen betreffen Personen, die zumindest teilweise bereits aus den Akten bekannt sind. Andere beziehen sich auf die Umgebung des Wilhelmshofs.
Daraus konnten konkrete Ermittlungsansätze entwickelt werden, die nun priorisiert überprüft werden. Ein Durchbruch oder die Identifizierung eines neuen Tatverdächtigen wurde jedoch bislang nicht bestätigt. ZDFheute
Möglicherweise erhalten auch frühere Suchmaßnahmen durch diese Hinweise eine neue Bedeutung.
Wenn ein Zeuge nun ein bestimmtes Fahrzeug, einen Weg oder eine Person genannt hat, könnten die Ermittler alte Einsatzprotokolle erneut damit abgleichen. Auch der 2024 untersuchte Teich könnte in diesem Zusammenhang noch einmal in den Akten betrachtet werden.
Ob einer der neuen Hinweise tatsächlich mit dem Gewässer zusammenhängt, ist allerdings nicht bekannt.
Ein übersehener Ort – oder nur eine offene Lücke?
Die Tatsache, dass der Teich offenbar erst nach neuneinhalb Jahren durchsucht wurde, klingt zunächst spektakulär.
Doch die Ermittler betonten, dass es keinen konkreten Anlass für den Tauchereinsatz gegeben habe. Es handelte sich demnach nicht um eine plötzlich entdeckte heiße Spur, sondern um den Versuch, einen zuvor nicht abschließend geprüften Ort auszuschließen.
Gerade bei Cold Cases ist dieses Vorgehen üblich und notwendig.
Neue Ermittler betrachten alte Entscheidungen mit Abstand. Sie überprüfen, ob Annahmen nachvollziehbar waren, ob Flächen vollständig abgesucht wurden und ob moderne Technik heute Möglichkeiten bietet, die es zum Zeitpunkt des Verschwindens noch nicht gab.
Manchmal führt genau diese akribische Arbeit Jahre später zum Durchbruch.
Im Fall Inga blieb der Teich jedoch stumm.
Die Suche nach dem einen entscheidenden Hinweis geht weiter
Inga wurde am 18. August 2009 geboren. Sie wäre heute 16 Jahre alt.
Zum Zeitpunkt ihres Verschwindens war sie etwa 1,18 Meter groß, hatte blaue Augen, mittelblonde, zu Zöpfen geflochtene Haare und eine auffällige Zahnlücke. Sie trug eine ausgewaschene blaue Jeans, ein mintgrünes Langarmshirt mit Schmetterlingsmotiv und dunkelrosa bis violette Schuhe.
Die Polizei sucht weiterhin nach Menschen, die sich am 2. Mai 2015 auf dem Wilhelmshof, im angrenzenden Waldgebiet oder auf der Zufahrtsstraße aufhielten und bislang nicht vernommen wurden.
Auch alte Fotos, Videos oder mögliche Dashcam-Aufnahmen können von Bedeutung sein.
Hinweise nimmt die Polizeiinspektion Halle unter 0345/224-1291 sowie per E-Mail an [email protected] entgegen. Die offizielle Fahndung führt die Polizei Sachsen-Anhalt auf ihrer Cold-Case-Seite zu Inga Gehricke.
Der Tauchereinsatz brachte nicht die erhoffte Antwort.
Doch er hinterließ eine Frage, die den Fall bis heute begleitet:
Wenn ein Teich erst nach neuneinhalb Jahren überprüft wurde – welche anderen Orte, Beobachtungen oder Aussagen könnten damals ebenfalls unterschätzt worden sein?





