Mordfall Fabian aus Güstrow: Der vielleicht wichtigste Zeuge belastet Gina H.
Die Angeklagte Gina H. führte C. schon einen Tag, bevor sie der Polizei am 14. Oktober den „zufälligen“ Fund von Fabians Leiche meldete, zu dem toten Jungen.

Anwalt Andreas Ohm (v. l. n. r.), die Angeklagte Gina H. und Anwalt Thomas Löcker, warten im Saal des Landgerichts in Rostock auf die Fortsetzung des Mordprozesses im Fall Fabian, vorn der noch leere Tisch für die Zeugenbefragung.
Am 12. Juni war nur ein Zeuge im Prozess zum Mordfall Fabian am Landgericht in Rostock vorgeladen. Trotzdem war der Andrang so groß, dass nicht alle Zuschauer in den Großen Saal gelassen werden konnten und auch in der Doppelreihe für die Medienvertreter war fast jeder Patz besetzt.
Der Angeklagten Gina H. wird vorgeworfen, am 10. Oktober 2025 heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen den zur Tatzeit achtjährigen Fabian aus Güstrow ermordet zu haben. Sie soll der Meinung gewesen sein, der Junge würde der Wiederaufnahme ihrer Beziehung zu Fabians Vater Matthias R. im Weg stehen. Matthias R. soll sich von ihr im August 2025 nach vier Jahren Beziehung getrennt haben. Anfang Oktober gab es noch einmal eine Annäherung zwischen den beiden, bevor Fabians Vater sagte, es sei endgültig vorbei. Gina H. schweigt bisher zu den Vorwürfen, deshalb werden vor Gericht Beweise gegen sie in einem Indizienprozess zusammengetragen.
Vier Wochen vor dem Mord plötzlich intensiver Kontakt
Der Zeuge Christian D., der am Freitag nun mehrere Stunden vernommen wurde, hat mit Gina H. seit zehn Jahren in demselben Dorf gelebt, in Reimershagen. „Man kannte sich vom Sehen“, sagte der 37-jährige verheiratete Vater zweier Kinder im Gerichtssaal. Doch plötzlich sei Mitte September 2025 ein intensiver Kontakt entstanden. Zuvor hatte Gina H. recht freizügige Fotos auf ihrer Facebookseite veröffentlicht, die Christian D. mit einem Smiley kommentierte. Daraufhin begann ein intensiver Nachrichtenaustausch. Innerhalb von vier Wochen tauschten die Dorfnachbarn 1432 Textnachrichten und mehr als 200 Sprachnachrichten aus, konnte die Polizei ermitteln. Dabei schickte Gina H. dem Zeugen auch freizügige Fotos von sich, unter anderem mit nacktem Oberkörper.
Wie sich im Laufe der Befragung herausstellte, gab es auch häufige Treffen in den Mittagspausen und Telefonate. Es sei nur um Freundschaft gegangen, er habe keine Hintergedanken dabei gehabt, beteuerte der Familienvater. Er habe diesen Kontakt nur deshalb vor seiner Frau und allen anderen geheim gehalten, damit es kein Gerede im Dorf gibt. Diese Beteuerungen wurden spätestens am Nachmittag von den Zuschauern im Saal mit lautem Lachen kommentiert.

Holger Schütt, Richter, im Saal des Landgerichts vor der Fortsetzung des Mordprozesses im Fall Fabian. Der Angeklagten wird vorgeworfen, am 10.10.2025 heimtückisch und aus sonst niedrigen Beweggründen den zur Tatzeit achtjährigen Fabian aus Güstrow getötet zu haben.
© A7120 Bernd Wüstneck/dpa
Gina H. traf am 9. Oktober eine Entscheidung
Ob auch Gina H. nur Freundschaft wollte, könne er nicht sagen. „Es ging ihr ja immer nur um Adi“, sagte der Zeuge. Auf Nachfrage des vorsitzenden Richters Holger Schütt erklärte er, Gina H. habe Fabians Vater Matthias R. so genannt, weil er am selben Tag Geburtstag habe wie Adolf Hitler. Dass es in den Nachrichten sehr häufig um Fabians Vater ging, hat auch die Handyauswertung der Polizei ergeben. Gina H. habe darüber gesprochen, dass Fabian einen Keil in ihre Beziehung zu Matthias R. treiben würde. Wie ein Achtjähriger das getan haben könnte, fragte Holger Schütt. „In dem er ihr gegenüber etwas so gesagt hat und zu seinem Vater dann anders“, antwortete Christian D. darauf.
Auf die Frage, ob er gewusst habe, dass es Anfang Oktober eine erneute Annäherung zwischen Gina H. und Matthias R. gegeben habe, sagte er: „Sie hat mir erzählt, dass sie sich öfter mal getroffen haben und auch einmal wieder in der Kiste gelandet sind.“ Am 9. Oktober, einem Tag vor dem Mord, hat Gina H. diese Sprachnachricht an Christian D. geschickt: „Ich muss jetzt eine Entscheidung treffen. Eigentlich habe ich sie schon getroffen.“.
Treffen am 10. Oktober mittags – nach Mord an Fabian?
Am 10. Oktober sei sie am Vormittag längere Zeit nicht erreichbar gewesen, ungewöhnlich für Gina H., die normalerweise innerhalb von fünf Minuten auf Nachrichten geantwortet habe. In dieser Zeit habe sie ihr Handy ausgeschaltet, ermittelte die Polizei. In diesen eineinhalb Stunden ab 10 Uhr soll sie Fabian, der an diesem Freitag nicht in der Schule war, weil er sich am Morgen unwohl gefühlt hatte, aus seiner Wohnung in Güstrow gelockt haben. Dann soll Gina H. mit ihm zu dem Tümpel auf dem Acker bei Klein Upahl gefahren sein und mit einem Messer sechs Mal von vorn auf ihn eingestochen haben, zwei Messerstiche waren tödlich. Danach soll sie den toten Jungen angezündet haben, um Spuren zu verwischen.

Mord an Fabian aus Güstrow: Überraschende Wendung im Prozess
Bei der Befragung am Freitag stellte sich heraus, dass Gina H. sich am 10. Oktober um 12.45 Uhr für etwa eine dreiviertel Stunde mit Christian D. am Bolzsee bei Lohmen traf. Er habe ihr Auto nur von weitem gesehen, sagte der Zeuge. Sie habe bei der Umarmung zur Begrüßung nicht nach Rauch oder Grillanzünder gerochen. „Sie war ziemlich niedergeschlagen und gleichzeitig hibbelig“, sagte Christian D. aus. Diese Niedergeschlagenheit sei ungewöhnlich gewesen, in den folgenden Tagen habe er davon nichts mehr bemerkt. Gina H. habe zur Begründung gesagt, sie hätte wieder ein Gespräch mit Adi geführt, über das sie sich sehr geärgert habe. Am Abend habe sie Fotos davon geschickt, dass sie ihr Auto gereinigt habe, warum, wisse er nicht.
Plötzlich wollte Gina H. am 13. 10. bei Klein Upahl suchen
Christian D., der Fabian nach eigener Aussage nie in seinem Leben getroffen hat, sagte außerdem, am 10., 11. und 12. Oktober habe Gina H. nicht erwähnt, dass sie selbst nach dem Jungen suchen wolle. Der Achtjährige, den die Angeklagte selbst häufiger als Ziehsohn bezeichnete, galt zu diesem Zeitpunkt noch als vermisst. Doch sie habe Adi vorgeworfen, dass er nach seinem Sohn suche und sie nicht dabei haben wolle.
Am 13. Oktober habe es wieder mittags ein Treffen zwischen Gina H. und dem Zeugen gegeben. Dort sei es darum gegangen, dass Gina H. am Abend in der Gegend bei Klein Upahl nach Fabian suchen wollte. Zur Begründung sagte sie, sie sei dort mit ihm und ihrem Sohn vergangenen Winter mit den Pferden Schlitten gefahren. „Ich habe nicht daran geglaubt, dass wir ihn dort finden“, sagte Christian D. vor Gericht, sei aber auf den Wunsch der Angeklagten eingegangen, zusammen mit ihr dort zu suchen.
Warum die Suche abends in der Dunkelheit stattfinden sollte und nicht im Hellen, blieb vor Gericht offen. Auf jeden Fall habe er eine Wärmebildkamera mitgenommen, die er besitzt, weil er Jäger ist. Schließlich habe er zu diesem Zeitpunkt geglaubt, Fabian würde noch leben.
„Sie hat mich zum Tümpel geführt“
Ausgangspunkt der Suche sei Klein Upahl gewesen. Sie seien mit seinem Auto erst einen Weg entlanggefahren, an einer Stelle ausgestiegen und hätten das Gelände vom Auto aus mit der Wärmebildkamera abgesucht. Obwohl es einige Söller wie den Tatort dort gebe, hätten sie nur noch einen näher in Augenschein genommen.
Unweit des Tümpels, an dem der tote Fabian dann gefunden wurde, habe Gina H. anhalten wollen. Er habe das Gelände mit der Wärmebildkamera vom Weg am Auto aus abgesucht, aber nur Fuchs, Reh und Schafe entdeckt. Dann wollte er wieder ins Auto steigen, doch Gina H. wollte zum Tümpel laufen. „Sie lief voraus“, so der Zeuge. Am Tümpel seien sie um das Wasserloch einige Meter herumgelaufen. An einer Stelle sei Gina H., die den Weg mit dem Handy beleuchtete, stehengeblieben. Er sei hinunter zum Wasser gelaufen. Viel habe er nicht sehen können, aber plötzlich habe etwas vor ihm gelegen, von dem er erst dachte, es seien schwarze Rohre. Doch dann habe Gina H. gerufen „Da ist was!“, obwohl sie kaum etwas sehen konnte. Er habe versehentlich dieses „Etwas“ berührt und wollte daraufhin nur noch weg. Gina H. habe gesagt: „Oh Gott, das ist er!“ Sie habe Klarheit gewollt, ob es wirklich Fabian ist, doch das wollte er nicht.

Oberstaatsanwalt Harald Nowack (l.) und Sachverständiger Peter Keiper, im Saal des Landgerichts in Rostock vor der Fortsetzung des Mordprozesses im Fall Fabian.
© A7120 Bernd Wüstneck/dpa
Im Auto sei es still gewesen, er habe die Angeklagte vor dem Haus ihres Nachbarn Olaf abgesetzt, mit dem sie noch einmal zum Tümpel fahren wollte. Die restliche Nacht habe er auf dem Hochsitz in seinem Jagdgebiet grübelnd verbracht, seiner Frau hatte er am Abend gesagt, er gehe Jagen. Kurz danach hat Christian D. den Kontakt zu Gina H. abgebrochen. „Im Nachhinein ist mir klar geworden, dass Gina mich benutzt hat. Sie hat mich zum Tümpel geführt, damit meine Spuren da backen bleiben“, sagte er am Freitag. Ja, er hätte die Polizei benachrichtigen sollen, aber er habe Angst gehabt, dass er „in die Sache“ mit hineingezogen werde.
Auffällig: Gina H. war während der Tatzeit nicht erreichbar
Gina H. fuhr am Abend des 13. Oktobers mit ihrem Nachbarn O. noch einmal zum Tatort. Am 14. Oktober war sie mit einer Freundin erneut dort. Danach meldete sie sich bei der Polizei mit der Aussage, sie habe Fabians Leiche gerade zufällig beim Spazierengehen gefunden.
Oberstaatsanwalt Harald Nowack fasste am Ende des Prozesstages zusammen: „Wir haben heute gehört, dass Gina H. schon vor dem 14. Oktober am Tatort war. Die Initiative dafür ging von ihr aus. Der Zeuge hatte im Nachhinein das Gefühl, dass sie ihn zu dem Tümpel hingelockt hat, weil sie den Ort kannte und er ausgenutzt wurde. Am 10. Oktober gab es eine Ausnahme in ihrem Handyverhalten, genau zu dem Zeitpunkt als Fabian getötet wurde.“
Bis zur Urteilsverkündung gilt die Unschuldsvermutung, doch die Beweise gegen Gina H. erscheinen immer erdrückender.
Das passiert in achten Prozesswoche am Landgericht
Am Dienstag, 16. Juni, wird im Großen Saal des Landgerichts in Rostock der Zeuge vernommen, der als Zweiter mit der Angeklagten Gina H. am Fundort von Fabians Leiche gewesen sein soll. Am 18. wird die Zeugin erwartet, die als Dritte mit der Angeklagten am Fundort gewesen sein soll. Das ist die Freundin, mit der Gina H. am 14. Oktober den toten Achtjährigen zufällig beim Spazierengehen an dem Tümpel bei Klein Upahl entdeckt haben will. Im Anschluss werden drei Polizeibeamte zu ihren Wahrnehmungen zur Auffindesituation von Fabians Leiche gehört.
Fabian wurde am 10. Oktober von seiner Mutter als vermisst gemeldet, ab da wurde er mit einem Großaufgebot der Polizei gesucht. Die Fährtenhunde hatten dann angeschlagen an einer Bushaltestelle nahe Groß Breesen, in der Nähe des Wohnorts von Fabians Vater, und am Güstrower Inselsee. Gefunden wurde die Leiche des Jungen bekanntlich jedoch bei Klein Upahl, 15 Kilometer von seinem Wohnort in Güstrow entfernt.




