Mitten im Wal-Drama auf Insel Poel: Reporterin spricht offen über ihre Nähe zu „Timmy“

BILD-Reporterin Isabel Pfannkuche

BILD-Reporterin Isabel Pfannkuche ist seit Montag auf der Insel Poel – zum zweiten Mal

Foto: emha

Insel Poel (Mecklenburg-Vorpommern) – Jeder Morgen auf Poel startet für mich um 7 Uhr und er beginnt immer gleich: mit einem Blick auf die trübe Ostsee. Es ist ein hoffnungsvoller Blick: Ist Wal Timmy noch da? Atmet er noch? Oder hat er es vielleicht doch aus eigener Kraft geschafft, sich freizuschwimmen? Da liegt er wie ein grauer Fels und bewegt sich seit Tagen nicht von der Stelle.

Wenn man diesen grauen Felsen hier so liegen sieht, könnte man beinahe vergessen, dass sich unter dem Wasser ein 12 Meter langes und 12 Tonnen schweres Lebewesen versteckt. Doch Timmy sprüht aus seinem Blas, er schnaubt, er schlägt mit der Fluke, er buckelt seinen Rücken.

Timmy lebt, atmet und fühlt. Das ist auch das, was die Helfer, Retter, Demonstranten und Minister Till Backhaus (67, SPD) immer wieder betonen. Der technische Leiter Fred Babbel sagte jüngst in einer Pressekonferenz, erst sei der Einsatz für ihn nur Arbeit gewesen – mittlerweile sei er mit Emotionen dabei.

Chef-Taucher Fred Babbel steht den Journalisten Rede und Antwort

Chef-Taucher Fred Babbel steht den Journalisten Rede und Antwort

Foto: emha

Mit Wal verbunden

Wenn man Timmy über so lange Zeit verfolgt, wie es die Menschen hier auf Poel tun, wie wir Journalisten es tun, so nah dran ist am Schicksal des Tieres, fühlt man sich irgendwann mit Timmy verbunden.

Wir pilgern täglich mehrfach bei Wind und Wetter mit Bollerwagen und Ausrüstung 15 Minuten Fußweg durch Felder und Weiden zu der einen Stelle in Fährdorf, an der man Timmy einigermaßen nah sein kann. Und holen uns jeden Tag am Hafen einen Sonnenbrand.

Retter haben extra Urlaub genommen

Die DLRG unterstützt die Rettung tatkräftig

Die DLRG unterstützt die Rettung tatkräftig

Foto: emha

Wir beobachten die Helfer, die von morgens bis Sonnenuntergang für Timmy im Einsatz sind. Wir sehen sie zur Lagebesprechung um 9 Uhr morgens in den Hafen kommen, wir kennen die meisten mittlerweile beim Vornamen, wir beobachten die ersten DLRG-Boote, die ablegen, die Taucher, die bei 7 Grad Wassertemperatur in der Ostsee stehen. Menschen, die zum Teil von weither angereist sind, extra Urlaub genommen haben, um ehrenamtlich zu arbeiten. Für ein Tier, das wir alle erst seit dem 3. März 2026 kennen. Von denen die meisten nur Gutes wollen und alles geben. Wir nehmen die Anspannung und den Stress wahr, sehen Backhaus an, dass die Sorge um Timmy ihn nicht schlafen lässt.

Im Gespräch mit Minister Backhaus

Im Gespräch mit Minister Backhaus

Foto: emha

Warum sprechen wir nicht miteinander?

Wir bekommen den Streit innerhalb des Rettungsteams mit, das Chaos und die Ratlosigkeit. Täglich fragen wir uns: Könnte das nicht besser laufen? Warum sprechen wir nicht miteinander? Warum geht es nicht um Timmy? Wir hören Vorwürfe und Verschwörungstheorien rund um Timmy. Lesen Hass-Nachrichten wie: „Dich sollte man dem Wal zum Essen geben.“

Viele Menschen belastet Timmys Situation stark

Viele Menschen belastet Timmys Situation stark

Foto: Martin Brinckmann

Wir sprechen mit Menschen, die angereist sind, um mit ihrer Präsenz Timmy zu unterstützen. Die in Tränen ausbrechen, weil sie so mit dem Herzen dabei sind.

Hoffnung auf ein gutes Ende

Ich kann mich nicht erinnern, dass das Leid eines Tieres jemals so viele Menschen bewegt hätte. Dass jemals so viele Menschen an einem Strang zogen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Ich wünsche mir, dass wir diese Energie in Zukunft auch auf andere Themen anwenden. Und ich hoffe so sehr, dass diese Geschichte, Timmys Geschichte, gut ausgeht.

Jeden Abend beim Sonnenuntergang blicke ich ein letztes Mal zu Timmy. In der Hoffnung, dass ich ihn morgen noch einmal sehe – am liebsten frei schwimmend zurück auf dem Weg in die Nordsee.

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