„Ku’damm 77“: Ich liebe die Schöllacks – aber DIESE Entscheidung war Quatsch
Die Schöllacks in „Ku’damm 77“, verkörpert von Claudia Michelsen, Maria Ehrich, Sonja Gerhardt, Marie Louise Albertine Becker und Massiamy Diaby (v.l.n.r.) | © ZDF/Conny Klein
Die Kultserie rund um die Schöllack-Schwestern ist endlich wieder da! Doch eine fragwürdige Wendung sorgt bei mir als treuem Fan für Frust.
Die „Ku’damm“-Reihe ist seit Jahren eines meiner persönlichen Highlights in den Öffentlich-Rechtlichen. Die Story von „Ku’damm 56“und „Ku’damm 59“ rund um die Tanzschule Schöllack, aber vor allem eben um die drei Schwestern Eva, Monika und Helga lockt mich immer wieder vor den Fernseher. Alle drei versuchen, in der deutschen Nachkriegszeit ihren Weg zu gehen. Es geht um Moral, Freiheit und Schuld. Die tollen 50er-Jahre-Kostüme und das Setting taten ihr Übriges und ich wurde Fan.
Auch „Ku’damm 63“ begeisterte mich: Die Figuren wurden älter, die Konflikte komplizierter. Wie auch schon in den vorangegangenen Staffeln zeichnete sich die Serie durch einen gewissen Hang zur Dramatik aus. Das fiel mir hier schon deutlich auf, änderte aber nichts an meiner Unterhaltung. Immerhin waren die Ereignisse (ob Busunfall, Totschlag, Fehlgeburt oder Suizid) immer so im Drehbuch verwoben, dass sie die Entwicklung der Protagonistinnen voranbrachten. Und das führt mich direkt zu meiner Kritik an „Ku’damm 77“ …
ACHTUNG: Ab hier folgen Spoiler!
„Ku’damm 77“: Was gut funktioniert – und was nicht
„Ku’damm 77“ macht vieles anders als die vorherigen Staffeln. So machen wir jetzt einen größeren Zeitsprung, es wird mehr Fokus auf die nächste Generation gelenkt. Das bringt frischen Wind rein und zeigt eine neue Ebene auf. Besonders berührend: Wie Caterina Schöllack, die immer als strenge Mutter in Erscheinung trat, jetzt als unterstützende Oma überzeugt.
Und überraschenderweise funktioniert für mich auch die neue Mockumentary-Rahmung. Die kurzen Interviews geben Tiefe und den Protagonistinnen Raum. Der Mut wird belohnt. Doch problematisch wird es für mich, als dieser Rahmen benutzt wird, um plötzlich zu erzählen: Die Schwarze Journalistin, die die Schöllack-Doku dreht, ist eine bislang nicht bekannte vierte Schwester! Überraschung! Wer hätte das gedacht! Genau, niemand. Und hier hört es für mich auf.
Nicht, weil Serien sich nicht weiterentwickeln dürfen. Sondern weil die Enthüllung völlig aus dem Nichts kommt. In keiner vorherigen Staffel gab es eine Andeutung, dass Caterina Schöllack mit einem Schwarzen US-Soldaten eine Affäre gehabt hätte oder es weitere Kinder gäbe.
„Ku’damm 77“ wäre ohne verlorene vierte Schwester besser gewesen
Außerdem: Es ist auch schlicht nicht notwendig, eine weitere Schwester einzuführen. Schließlich hat man ja durch die nächste Generation bereits neue spannende Figuren. Und es gibt auch so schon mehr als genug Handlungsstränge in „Ku’damm 77“. Eine Auswahl:
- Die Tanzschule Galant, die illegal während des Dritten Reichs enteignet wurde, soll wieder in jüdischen Besitz kommen.
- Der bislang nie erwähnte Halbbruder von Caterina Schöllack stirbt, woraufhin die Familie das Erbe einstreichen möchte. Doch es kommt heraus, dass der Bruder eine asiatische Frau heiratete, die nach dessen Tod nach Norddeutschland reist, um den Hof zu übernehmen.
- Monikas Tochter Dorli wird drogenabhängig und erleidet eine Überdosis.
- Helga verliebt sich in einen neuen Mann und gerät in einen Strudel von Gewalt und Unterdrückung.
- Wolfgang wird von der Stasi verhaftet.
- Eva wird aus dem Gefängnis entlassen, findet zufällig ein unsagbar teures Gemälde im Nachlass ihres getöteten Ex-Manns, wird reich und kauft die Tanzschule Galant.
Ganz schön viel für nur sechs Folgen? Richtig. Und dabei ist in dieser Auflistung noch nicht einmal der scheinbar wieder auferstandene Joachim integriert …
Viele offene Fragen und Diversität um der Diversität willen?
Auch wenn es sich jetzt anhört, als würde ich das verteufeln: So absurd viele Wendungen das auch sind, machen sie auch die Unterhaltung aus. Und haben so durchaus ihre Daseinsberechtigung! Nur: Für mich, die die Schöllacks seit „Ku’damm 56“ begleitet, fühlt sich gerade die „vierte Schwester“ weniger wie eine spannende Wendung an, sondern eher wie ein Mittel, um Diversität zu suggerieren. Denn die Geschichte wird noch nicht einmal zu Ende erzählt!
Was wurde aus dem Vater? Wie kam es überhaupt genau zu dieser Affäre? War Liebe im Spiel? Warum hat Caterina nie jemandem von dieser Schwangerschaft und dem Kind erzählt? Weshalb brachte sie ihre Tochter zur Adoption nach Süddeutschland? Oder wurde diese dort etwa gezeugt? Fragen über Fragen, die auch am Ende von „Ku’damm 77“ offen bleiben.
Das ist schade, denn vielleicht hätte die Geschichte sogar Potenzial gehabt. Aber so gilt für mich: Ich bin großer Fan der Schöllacks. Wirklich. Aber diese Entscheidung war einfach Quatsch.




