Gericht deckt geheimen Namen auf – „WER IST ADDI?“: Geheimer Spitzname lässt Fabian-Prozess aufhorchen – die Erklärung des Zeugen wirft ein düsteres Licht auf Gina H.s Beziehung zum Vater

Eine scheinbar harmlose Frage des Richters führte zu einer unerwarteten Antwort. Doch nicht nur der bizarre Spitzname sorgte am elften Verhandlungstag für Unruhe: Der Zeuge Christian D. schilderte auch Gina H.s angebliche Wut auf Fabians Vater – und den Moment, in dem sie ihn nachts gezielt zu einem abgelegenen Tümpel geführt haben soll.

ROSTOCK – Ein einziges Wort genügte, um die Aufmerksamkeit im voll besetzten Gerichtssaal auf ein bislang unbekanntes Detail zu lenken: „Addi“ – in anderen Berichten auch „Adi“ geschrieben.

Wer war damit gemeint? Ein bislang unbekannter Bekannter? Eine Person aus Gina H.s Umfeld, von der die Ermittler noch nichts wussten? Oder verbarg sich hinter dem Namen möglicherweise eine neue Spur?

Als Richter Holger Schütt nachfragte, folgte eine Erklärung, mit der offenbar kaum jemand gerechnet hatte: Gemeint war Matthias R., der Vater des getöteten Fabian.

Doch warum soll Gina H. ihren langjährigen Partner ausgerechnet so genannt haben?

Größter Andrang seit Beginn des Prozesses

Es war der elfte Verhandlungstag vor dem Landgericht Rostock. Das öffentliche Interesse war enorm: Sämtliche rund 150 Besucherplätze waren besetzt, selbst im Pressebereich wurde es eng. Dutzende weitere Interessierte mussten Berichten zufolge draußen bleiben.

Der Grund für den außergewöhnlichen Andrang war vor allem ein Mann: Christian D., ein Jäger aus dem Umfeld der Angeklagten.

Er galt schon vor seiner Aussage als einer der wichtigsten Zeugen des bisherigen Verfahrens. Christian D. hatte in den Wochen vor Fabians Tod regelmäßig Kontakt mit Gina H. Er war außerdem einer der Männer, die gemeinsam mit ihr bereits am Fundort gewesen sein sollen, bevor die Polizei offiziell über die Leiche informiert wurde.

Was wusste er über Gina H.? Was hatte sie ihm über Fabian und dessen Vater erzählt? Und weshalb führte die Suche der beiden ausgerechnet in der Dunkelheit zu dem abgelegenen Tümpel bei Klein Upahl?

Der Richter fragt nach einem unbekannten Namen

Christian D. kannte Gina H. nach eigener Aussage bereits seit rund zehn Jahren aus dem Dorf. Etwa einen Monat vor Fabians Verschwinden wurde der Kontakt intensiver. Zunächst schrieben sie über Facebook, später über WhatsApp und telefonierten miteinander.

Gina H. soll dem verheirateten Familienvater zahlreiche persönliche Dinge anvertraut haben. Es sei um ihre Pferde, ihren Sohn, finanzielle Sorgen und vor allem um ihre schwierige Beziehung zu Matthias R. gegangen.

Während der Befragung wollte Richter Holger Schütt wissen, worüber die beiden gesprochen hatten.

Christian D. zählte verschiedene Themen auf – darunter auch „Addi“.

Der Richter hakte nach: Wer ist „Addi“?

Die Antwort des Zeugen rückte plötzlich Fabians Vater in den Mittelpunkt.

Das soll hinter dem Spitznamen stecken

Christian D. erklärte, mit „Adi“ sei Matthias R. gemeint gewesen. Nach seiner Vermutung habe Gina H. den Spitznamen gewählt, weil Fabians Vater am gleichen Kalendertag Geburtstag habe wie Adolf Hitler.

Dabei handelt es sich ausdrücklich um die Erklärung beziehungsweise Vermutung des Zeugen. Ob Gina H. den Namen tatsächlich aus diesem Grund verwendete und welche Bedeutung sie ihm selbst beimaß, ist bislang nicht durch eine eigene Aussage der Angeklagten geklärt.

Laut RTL soll Gina H. bei der Erklärung des Spitznamens im Gerichtssaal gegrinst haben. Allein diese Reaktion sagt jedoch nichts über den Mordvorwurf aus. Ebenso ist ein geschmackloser oder provokanter Kosename kein Beweis für eine Straftat.

Dennoch blieb das Detail hängen. Denn die Befragung drehte sich nicht nur um einen merkwürdigen Namen, sondern um die gesamte Dynamik zwischen Gina H. und Matthias R. RTL

Eine Beziehung voller Streit und gegenseitiger Vorwürfe

Nach der Schilderung von Christian D. erzählte Gina H. ihm von heftigen Konflikten in ihrer Beziehung. Es soll um Alkohol, Eifersucht, Geld und körperliche Auseinandersetzungen gegangen sein.

Der Zeuge berichtete dabei auch von schweren Behauptungen, die Gina H. über Matthias R. aufgestellt haben soll. Ob diese Schilderungen zutrafen, konnte Christian D. nicht aus eigener Wahrnehmung beurteilen – er gab lediglich wieder, was Gina H. ihm erzählt habe.

Trotz all dieser angeblichen Konflikte hatte er einen klaren Eindruck: Gina H. habe Matthias R. zurückgewinnen wollen.

Genau dieser Punkt ist für die Staatsanwaltschaft von großer Bedeutung. Die Anklage vermutet, dass Gina H. nach der Trennung eine erneute Beziehung mit Fabians Vater anstrebte und in dem achtjährigen Jungen ein Hindernis gesehen haben könnte.

Die Verteidigung bestreitet den Tatvorwurf. Ob das von der Staatsanwaltschaft angenommene Motiv tatsächlich bestand, muss das Gericht anhand sämtlicher Aussagen und Beweise klären.

Sah Gina H. Fabian als Problem?

Christian D. berichtete weiter, Gina H. habe sich bei ihm über Fabian beschwert. Der Junge versuche ihrer Meinung nach, einen Keil zwischen sie und Matthias R. zu treiben.

Nach der Trennung habe sich Fabians Vater wieder stärker um seinen Sohn kümmern wollen. Gina H. soll das dem Zeugen zufolge mit der abfälligen Bemerkung kommentiert haben, Matthias R. mache nun auf „Super-Daddy“.

Für die Anklage könnten solche Äußerungen in das behauptete Motivbild passen: Gina H. habe befürchtet, dass Fabians Vater wegen seines Sohnes nicht zu ihr zurückkehren werde.

Doch auch hier ist eine klare Trennung notwendig: Dass eine Person eifersüchtige oder verletzende Dinge über ein Kind sagt, beweist nicht, dass sie dieses Kind später getötet hat. Die Aussagen können lediglich als Teil einer größeren Indizienkette bewertet werden.

Gina H. wollte angeblich „etwas verändern“

Auch die Tage unmittelbar vor Fabians Verschwinden spielten in der Befragung eine wichtige Rolle.

Am 9. Oktober 2025, einen Tag vor Fabians Tod, traf Christian D. die Angeklagte an einem See. Gina H. habe erneut über ihre Beziehungsprobleme gesprochen. Zunächst sei sie ruhig und in sich gekehrt gewesen. Später habe sie den Eindruck vermittelt, eine Entscheidung treffen und etwas an ihrer Situation verändern zu wollen.

Was genau sie verändern wollte, blieb offen.

Ging es lediglich um die Frage, ob sie die Beziehung endgültig beenden oder weiter um Matthias R. kämpfen sollte? Oder hatten ihre Worte eine weitergehende Bedeutung?

Der Zeuge konnte darauf keine eindeutige Antwort geben.

Das Treffen am mutmaßlichen Tattag

Auch am 10. Oktober, dem Tag von Fabians Verschwinden, soll Gina H. Christian D. kontaktiert haben. Gegen Mittag bat sie ihn nach seiner Aussage um ein Treffen.

Sie habe Stress mit Matthias R. und wolle reden.

Beim anschließenden Treffen am Bolzsee in Lohmen erlebte Christian D. offenbar ein Telefonat zwischen Gina H. und Fabians Vater mit. Danach sei die Frau wütend gewesen. Er beschrieb sie als niedergeschlagen, nervös und unruhig.

Diese Beobachtung ist für den Prozess deshalb interessant, weil Fabian laut Anklage zwischen 11 und 15 Uhr getötet wurde. Ob sich aus dem Treffen mit Christian D. genaue Rückschlüsse auf Gina H.s Aufenthaltsorte ziehen lassen, hängt von der detaillierten Rekonstruktion der Zeiten und Wege ab.

An den folgenden Tagen habe der Zeuge sie dagegen wieder weitgehend normal oder sogar gut gelaunt erlebt.

Die nächtliche Suche am Tümpel

Drei Tage nach Fabians Verschwinden, am Abend des 13. Oktober, soll Gina H. Christian D. vorgeschlagen haben, in der Umgebung von Klein Upahl nach Fabian zu suchen.

Sie bat ihn demnach, eine Wärmebildkamera mitzubringen. Als Begründung soll sie gesagt haben, früher mit Fabian und ihrem eigenen Sohn in dieser Gegend Schlitten gefahren zu sein.

Die beiden fuhren zu dem abgelegenen Feld und suchten im Dunkeln. Am Tümpel soll Gina H. schließlich auf etwas aufmerksam gemacht und sinngemäß gesagt haben: „Da ist er.“

Christian D. erkannte nach eigener Darstellung zunächst nur dunkle Formen. Erst später sei ihm klar geworden, dass es sich dabei um Fabians Arme oder Beine gehandelt haben könnte.

Der Zeuge sagte, ihm sei in diesem Moment unwohl geworden. Er wollte den Ort verlassen – die Polizei verständigte er jedoch nicht sofort.

Diese Entscheidung bereue er heute.

„Sie hat mich gezielt dorthin geführt“

Vor Gericht äußerte Christian D. einen schwerwiegenden Verdacht: Er habe im Nachhinein das Gefühl bekommen, Gina H. habe ihn gezielt zum Leichnam geführt.

Möglicherweise, so seine persönliche Vermutung, sollte er dort eigene Spuren hinterlassen. Dadurch hätte später erklärt werden können, weshalb Fuß- oder Kontaktspuren einer weiteren Person am Tümpel zu finden waren.

Ob Gina H. tatsächlich einen solchen Plan hatte, ist nicht bewiesen.

Die Sprachnachrichten zwischen beiden zeigen laut NDR jedoch, dass Gina H. ausdrücklich auf eine Suche im Wald und auf einem Feld bei Klein Upahl gedrängt hatte. Ein Schuhabdruck soll zudem darauf hingedeutet haben, dass Christian D. tatsächlich an dem Ort gewesen war. NDR

Warum wurde die Polizei nicht sofort gerufen?

Diese Frage bleibt eine der bedrückendsten des gesamten Verfahrens.

Wenn Gina H. und Christian D. in jener Nacht tatsächlich erkannten, dass am Tümpel ein lebloses Kind lag, warum alarmierten sie nicht sofort die Behörden?

Später soll Gina H. noch einen weiteren Bekannten zu demselben Ort geführt haben. Auch danach wurde die Polizei zunächst nicht verständigt. Erst am folgenden Tag meldete Gina H. den Leichenfund gemeinsam mit einer Freundin offiziell.

Die Staatsanwaltschaft sieht in diesen Abläufen möglicherweise den Versuch, einen zufälligen Fund zu inszenieren. Die Verteidigung kann dagegen auf Schock, Unsicherheit oder die unklare Wahrnehmung in der Dunkelheit verweisen.

Welche Erklärung glaubwürdig ist, wird das Gericht entscheiden müssen.

Wie wichtig ist „Addi“ wirklich?

Der Spitzname ist auffällig, geschmacklos und möglicherweise aufschlussreich für die Art, wie Gina H. über ihren früheren Partner sprach. Er ist aber kein eigenständiges Beweismittel für den Mordvorwurf.

Seine Bedeutung liegt vor allem im Kontext: Die Frage nach „Addi“ öffnete vor Gericht die Tür zu einer ausführlichen Schilderung der Beziehung zwischen Gina H. und Fabians Vater.

Der Zeuge beschrieb Liebe, Abhängigkeit, Eifersucht und heftige Konflikte. Gleichzeitig sagte er, Gina H. habe Matthias R. zurückgewinnen und Fabian möglicherweise als Störfaktor betrachtet.

Damit war der rätselhafte Name nur der Anfang einer Aussage, die für den Prozess wesentlich bedeutsamere Fragen aufwarf:

Warum wollte Gina H. unbedingt zu Matthias R. zurück? Welche Rolle spielte Fabian bei der gescheiterten Beziehung? Und wie konnte sie Christian D. in der Dunkelheit so zielgerichtet zu dem abgelegenen Tümpel führen?

Bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt für Gina H. die Unschuldsvermutung.

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