„Tierquälerei“-Vorwurf nach Tod von Buckelwal – in einem sind sich aber wohl alle einig

Er streifte wochenlang durch die Ostsee – nun ist Buckelwal „Timmy“ tot. Minister, Forscher und Tierärzte melden sich zu Wort. Die Reaktionen im Überblick.

Buckelwal „Timmy“ ist tot. Das Tier, das seit Wochen Millionen Menschen in Deutschland und weit darüber hinaus bewegt hatte, hat seine Irrfahrt durch die Ostsee nicht überlebt. Seit seiner Freilassung am 2. Mai 2026 fehlte jede verlässliche Spur – nun ist Gewissheit: Ein toter Wal vor der dänischen Insel Anholt im Kattegat wurde als das zuvor vor der deutschen Küste gestrandete Tier identifiziert. Eine Karte zeigt „Timmys“ letzten Weg. Den letzten Beweis lieferte ein Tracker, der am Tier gefunden wurde. Mit dem Tod des Tieres beginnt eine andere Debatte.

Toter Wal vor dänischer Insel Anholt entdeckt
Aus dem Fall des gestrandeten Buckelwals gibt es einige Lehren zu ziehen. © Marcus Golejewski/dpa

Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus verteidigte in einer offiziellen Pressemitteilung den Rettungsversuch der privaten Initiative. Sein Ministerium habe die Aktion bewusst geduldet – weil auch Wissenschaftler ein Überleben nicht vollständig ausgeschlossen hätten: „Es ging immer darum, abzuwägen, welche Option die schlechteste ist: den sicheren Tod des Tieres unter Qualen abzuwarten oder ihm eine letzte Chance zu geben und ihn dabei möglichem Stress auszusetzen. Am Ende hat wohl die Natur entschieden.“

Buckelwal „Timmy“: Minister verteidigt Rettung – Forscher spricht von „Tierquälerei“

Kritik an seiner Haltung wies der Minister zurück: „Die Duldung des Rettungsversuchs stellt keine Wissenschaftskritik dar.“ Und: „Ich halte es für absolut menschlich, auch die geringste Chance zu nutzen, wenn es um ein Leben geht.“ Zudem erklärt er: „Es wird nun mit den dänischen Behörden zu klären sein, was weiter mit dem toten Tier geschehen soll. Dazu werden wir auch Gespräche mit der privaten Initiative zur Rettung des Wals führen.“

Während Backhaus die Rettungsaktion verteidigte, übte Walforscher Peter Teglberg Madsen von der Universität Aarhus gegenüber dem dänischen Sender TV2 von Beginn an grundsätzliche Kritik. Der Wal „wurde in die Nordsee geschubst, krank und geschwächt, und dann ist er vermutlich nach Anholt getrieben.“ Seine Einschätzung fiel deutlich aus: „Ich finde, das ist Tierquälerei, was da vor sich gegangen ist. Das war ein krankes und sterbendes Tier.“ Man hätte den Wal in Frieden lassen sollen, „statt ihn zwei Tage lang bis zur Nordsee zu schleppen“, wo er vermutlich ertrunken sei.

Kirsten Tönnies, Tierärztin der privaten Rettungsinitiative, brach nach der Freilassung ihr Schweigen – zunächst im Podcast „Tierisch menschlich“, später im RiffReporter-Interview. Ihre Schilderungen der Vorgänge bei der Auswilderung waren düster: Seile sollen das Tier bei der Freilassung an der Schwanzflosse festgehalten haben, während das Schiff mit der Barge wegfuhr. „Ich kann das nicht beurteilen. Sie haben verhindert, dass es Filmaufnahmen gibt“, so Tönnies. Sie sprach außerdem von „Stellungnahmen aus Angst, falls was schiefgeht“. Zuvor hatte Tönnies bereits bei Ippen.Media schwere Vorwürfe gegen die Crew geäußert – die sich mittlerweile dagegen aber sogar juristisch wehrt.

Buckelwal „Timmy“: Tierärztin fürchtet, Wahrheit „nie zu erfahren“ – Greenpeace spricht von „Exodus“

Auch die US-amerikanische Tierärztin Jenna Wallace, die ebenfalls an der Rettungsaktion beteiligt war, meldete sich auf Instagram zu Wort. Sie kritisierte, dass die eigentlich wichtige Frage nach dem Schicksal des Buckelwals in den Hintergrund gerückt sei: „Es wird mehr darüber spekuliert, ob der Sender richtig angebracht wurde, voll funktionsfähig ist oder ob er bereits abgefallen ist.“ Was wirklich mit dem Wal passiert sei, werde man wohl „nie erfahren“, befürchtet sie.

Greenpeace-Biologe Thilo Maack und Walforscher Fabian Ritter vom Wal- und Delfinschutzverein M.E.E.R. nutzten den Tod des Wals, um auf ein weit größeres Problem aufmerksam zu machen. Ritter: „Was da stattfindet in unseren Meeren, ist ein Exodus, der es von den getöteten Tieren oder sterbenden Tieren gesehen von der Anzahl her ganz locker mit der Walfang-Ära aufnehmen kann. Also das sind größere Opferzahlen als zu den höchsten Zeiten des brutalen Walfangs.“

Nach Tod von „Timmy“: Greenpeace fordert Stellnetz-Verbot – Experte beklagt Morddrohungen

Maack forderte zudem, zerstörerische Fischereimethoden in Meeresschutzgebieten endlich zu verbieten – konkret den Einsatz von Stellnetzen, der in Deutschland nach wie vor legal ist. Ritter ergänzte: „Und das darf natürlich nicht sein.“ Maack sprach sich außerdem dafür aus, für Deutschland ein standardmäßiges Protokoll zu entwickeln, wie künftig mit gestrandeten Walen umzugehen ist. Länder wie Dänemark, die Niederlande und Großbritannien haben solche Pläne bereits – Deutschland nicht.

Der Fall „Timmy“ zog nicht nur Anteilnahme nach sich – er befeuerte auch eine teils aggressive Debatte in sozialen Medien. Ritter, der sich öffentlich gegen die Rettungsaktion positioniert hatte, wurde selbst zur Zielscheibe von Drohungen und Hetze. „Ich persönlich würde mir noch wünschen, dass wir als Menschen noch mal darüber reflektieren, wie wir untereinander und miteinander umgegangen sind, wie sehr Diffamierung, Hetze und Bedrohung tatsächlich bis hin zu Morddrohungen da fast schon an der Tagesordnung waren.“ Im heutigen Diskurs sei es für viele offensichtlich unerträglich, andere Meinungen zu ertragen. „Da können wir einiges lernen aus diesem Fall.“ Quellen: dpa, regierung-mv.de, tv2ostjylland.dk (bk)

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