Offizielle Gerichtsentscheidung ist gefallen!
Im Oktober 2025 verschwindet der achtjährige Fabian aus Güstrow. Vier Tage später folgt die traurige Gewissheit: Der Junge ist tot, er wurde getötet und sein Leichnam anschließend in Brand gesetzt. Wegen der Tat steht Gina H., die Ex-Freundin von Fabians Vater, als Angeklagte vor Gericht.
Es ist ein Albtraum, aus dem Dorina L. aus Güstrow nicht mehr aufwachen wird: Am 10. Oktober 2025 verschwindet ihr achtjähriger Sohn Fabian. Der Junge fühlt sich unwohl, geht an diesem Tag nicht zur Schule und bleibt allein zu Hause, während seine Mutter zur Arbeit fährt. Als sie zurückkehrt, ist Fabian verschwunden. Gegen 20:30 Uhr meldet sie ihren Sohn bei der Polizei als vermisst. Zu diesem Zeitpunkt ist der Achtjährige nach späterer Einschätzung der Ermittler bereits tot.
Vier Tage lang suchen Hunderte Einsatzkräfte gemeinsam mit zahlreichen freiwilligen Helfern nach dem vermissten Jungen. Erst am 14. Oktober wird seine Leiche an einem abgelegenen Tümpel bei Klein Upahl gefunden – ausgerechnet von Gina H., der Ex-Freundin von Fabians Vater Matthias R.
Am 6. November 2025 nehmen Ermittler die damals 29-Jährige unter dringendem Mordverdacht fest. Einen Tag später kommt sie nach Verkündung des Haftbefehls in Untersuchungshaft. Vor dem Landgericht Rostock muss sie sich wegen Mordes aus Heimtücke und niedrigen Beweggründen verantworten. Der Prozess beginnt am 28. April 2026 und geht nach dem 19. Verhandlungstag am 9. Juli in eine mehrwöchige Sommerpause.
Was weiß man bislang über den Fall? Und welche Indizien belasten die Angeklagte?
Gina H. soll Fabian mit sechs Messerstichen getötet haben
Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft fährt Gina H. am Vormittag des 10. Oktober mit ihrem orangefarbenen Ford Ranger nach Güstrow. Fabian befindet sich allein in der Wohnung. Unter einem Vorwand soll sie den Jungen aus dem Haus gelockt und mit ihm zu einem abgelegenen Tümpel bei Klein Upahl gefahren sein. Dort soll sie den Achtjährigen zwischen 11:00 und 15:00 Uhr mit sechs Messerstichen getötet haben, zwei davon direkt ins Herz. Anschließend soll sie den Leichnam teilweise in Brand gesetzt haben, um Spuren zu beseitigen. Die mutmaßliche Tatwaffe wurde bis heute nicht gefunden.
Als Motiv nennt die Staatsanwaltschaft am ersten Verhandlungstag die gescheiterte Beziehung zu Fabians Vater. Nach ihrer Auffassung will Gina H. mit der Tat die Streitigkeiten mit Matthias R. beenden und die Beziehung zu ihm wieder aufleben lassen.
Gina H. und Matthias R. sind fast vier Jahre lang ein Paar, trennen sich jedoch im August 2025. Fabian bricht den Kontakt zu seinem Vater zuvor zeitweise ab, nachdem er eine körperliche Auseinandersetzung zwischen seinem Vater und Gina H. miterlebt. Erst nach der Trennung verbringt der Junge wieder Zeit bei seinem Vater.
Eine erneute Beziehung mit Gina H. lehnt Matthias R. nach Darstellung der Anklage damals ab, um das Verhältnis zu seinem Sohn nicht erneut zu gefährden. Die Staatsanwaltschaft geht deshalb davon aus, dass Gina H. in Fabian das entscheidende Hindernis für eine Wiederannäherung sieht.
Matthias R. nimmt Beziehung zur mutmaßlichen Mörderin seines Sohnes wieder auf
Doch ausgerechnet während des laufenden Mordprozesses kommen Matthias R. und Gina H. wieder zusammen. Er besucht sie regelmäßig in der Untersuchungshaft und hält sie weiterhin für unschuldig. Nach seinen Aussagen vor Gericht leitet die Staatsanwaltschaft Rostock ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen des Verdachts der Falschaussage ein. Nach Auffassung der Anklage widersprechen seine Angaben vor Gericht in wesentlichen Punkten seinen früheren Aussagen bei der Polizei.
Bis zur Festnahme von Gina H. gehen die Ermittler zahlreichen Hinweisen nach. Am 5. November 2025 wird der Fall in der ZDF-Sendung “Aktenzeichen XY … ungelöst” thematisiert. Einen Tag später durchsuchen Ermittler unter anderem die Wohnung der Tatverdächtigen. Kurz darauf nehmen sie Gina H. fest. Im März 2026 erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage.
Diese stützt sich auf eine Vielzahl von Zeugenaussagen, digitalen Spuren, kriminaltechnischen Gutachten und dem Verhalten der Angeklagten vor und nach dem Leichenfund. Direkte DNA-Spuren, die Gina H. unmittelbar als Täterin überführen würden, werden bis dato im Prozess nicht präsentiert.
Auto der Angeklagten war offenbar in der Nähe von Fabians Wohnung
Ein Schwerpunkt sind stattdessen die digitalen Beweise. Überwachungskameras sollen den auffälligen orangefarbenen Ford Ranger am Tag des Verschwindens in der Nähe von Fabians Wohnung zeigen – einmal auf dem Weg dorthin, einmal auf dem Rückweg. Auffällig ist nach Darstellung der Ermittler auch die Handynutzung: Sowohl Fabians Handy als auch das Smartphone der Angeklagten sind während des mutmaßlichen Tatzeitraums ausgeschaltet. Gegen 10:43 Uhr macht Gina H. nur 120 Meter von Fabians Wohnung entfernt ein Foto. Um 11:19 Uhr nimmt sie ein weiteres Bild auf, das lediglich 1.600 Meter Luftlinie entfernt vom späteren Fundort der Leiche entsteht.
Hinzu kommen zwei Zeugen, die den Wagen der Angeklagten am Tattag auf einem Feldweg bei Klein Upahl gesehen haben wollen. Nach ihren Angaben kam das Fahrzeug aus Richtung des späteren Fundorts und fuhr anschließend in Richtung Upahl weiter.
Handydaten spielen wichtige Rolle im Prozess
Auch Internetrecherchen werfen aus Sicht der Ermittler Fragen auf. Bereits bevor Fabians Mutter ihren Sohn als vermisst meldet und bevor Matthias R. die Angeklagte über das Verschwinden informiert, sucht Gina H. unter anderem nach “Polizei”, “Polizei Einsatz aktuell”, “Polizeimeldungen & Polizeibericht Güstrow” sowie nach “vermisste Person Güstrow”. Am folgenden Tag recherchiert Gina H. laut den im Prozess vorgestellten Browserdaten unter anderem nach “fressen Wildschweine Menschen” und “fressen Wildschweine tote Menschen”.
Auch mehrere Chat- und Sprachnachrichten spielen im Prozess eine wichtige Rolle. Sie zeichnen zugleich das Bild einer konfliktreichen Beziehung zwischen Gina H. und Matthias R., in der es immer wieder um Eifersucht und Geld geht. Gina H. bezieht wegen einer psychischen Erkrankung Erwerbsminderungsrente. In Sprachnachrichten beklagt sich Matthias R. darüber, ihren Lebensunterhalt und die Versorgung ihrer fünf Pferde finanzieren zu müssen. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft könnte diese finanzielle Abhängigkeit ebenfalls ein mögliches Tatmotiv gewesen sein.
Hinzu kommen aus Sicht der Anklage Hinweise auf mögliches Täterwissen. So schreibt Gina H. einem Bekannten, Fabian habe Bauchschmerzen gehabt, obwohl ihr nach Darstellung der Ermittler lediglich bekannt gewesen sein kann, dass der Junge krank zu Hause geblieben ist. Kriminaltechnische Gutachten belasten die Angeklagte ebenfalls. Auf einer Decke und einem Putzlappen von Gina H. finden Ermittler Fasern eines grauen Pullovers, den Fabian nachweislich erst wenige Wochen vor seinem Tod erhalten hat.
Gina H. war laut Zeugen mehrfach bei der Leiche
Besonders intensiv beschäftigt sich das Gericht mit den Umständen des Leichenfundes. Dass ausgerechnet Gina H. den Leichnam des Sohnes ihres Ex-Partners findet, erscheint zumindest ungewöhnlich. Hinzu kommt: Mehrere Zeugen berichten vor Gericht, sie seien bereits vor dem offiziellen Fund gemeinsam mit der Angeklagten an dem abgelegenen Tümpel bei Klein Upahl gewesen.
Einer dieser Zeugen ist der Jäger Christian D., der schildert, dass Gina H. auf dem gemeinsamen Weg zum Tümpel zunehmend nervös geworden sei. Als sie dann den Leichnam entdecken, will er nur noch weg. Aus Angst, selbst in den Fall hineingezogen zu werden, verständigt er nicht die Polizei. Stattdessen fährt er Gina H. zu ihrem Nachbarn Olaf K. Dieser sagt später aus, die Angeklagte habe mit ihm erneut den Fundort aufgesucht. Nach seiner Darstellung habe sie dort sogar gelacht und dies damit erklärt, sie habe bereits zu viel geweint.
Auch ihre frühere Nachbarin Heike M. sagt aus, Gina H. habe sie am 14. Oktober zu dem abgelegenen Tümpel geführt. Nach ihrer Aussage sei die Angeklagte zunächst rund drei Minuten allein am Leichnam gewesen. Anschließend habe sie berichtet, ihr Hund habe an die Leiche uriniert. Zudem habe Gina H. versucht, mit einer Hundeleine Schleifspuren zu erzeugen, um den Eindruck eines zufälligen Leichenfunds beim Gassigehen zu erwecken. Heike M. schildert weiter, die Angeklagte habe zunächst mehrfach gezögert, die Polizei zu verständigen, weil sie sich Sorgen um die Spurenlage gemacht habe. Erst nachdem sie selbst darauf gedrängt habe, habe Gina H. den Notruf gewählt. Die Zeugin äußert vor Gericht den Verdacht, die Angeklagte habe sie lediglich als Alibi nutzen wollen.
Verhalten der Angeklagten wirkt für Beobachter auffällig
Mehrere Polizeibeamte schildern ebenfalls ihre Eindrücke vom Tag des Leichenfundes. Eine Polizistin berichtet unter Tränen, der Anblick des getöteten Kindes habe sie so sehr belastet, dass sie anschließend psychologische Hilfe in Anspruch genommen habe. Besonders habe sie der Eindruck erschüttert, Fabian sei “wie Müll entsorgt” worden. Gina H. wirkte auf sie dagegen vergleichsweise gefasst und vermittelte den Eindruck, ihre Schilderung vorbereitet zu haben.
Der Leiter der Mordkommission berichtet, Gina H. habe nach der Sicherstellung ihres Handys offenbar geglaubt, lediglich Chatverläufe könnten ausgewertet werden, und deshalb unbefangen telefoniert. In einem überwachten Gespräch bezeichnet sie den Leichenfund als “Scheiß beschissener bekackter Zufall”. Zudem schildert ein Polizeibeamter, die Angeklagte habe bei ihrer ersten Vernehmung erklärt, die Schweinskuhle sei “perfekt”, um einen Menschen zu entsorgen.
Profiler: Fabian vertraute der Person, die ihn tötete
Auch Sachverständige kommen im Prozess zu Wort. Ein rechtsmedizinischer Gutachter bestätigt, dass Fabian durch sechs Messerstiche getötet und sein Leichnam anschließend teilweise verbrannt wurde. Hinweise auf Gegenwehr gebe es nicht. Ein Experte für Operative Fallanalyse, heutzutage besser als “Profiler” bekannt, kommt zu dem Schluss, dass vieles für eine Beziehungstat spreche. Fabian habe das Haus vermutlich nur mit einer Person verlassen, der er vertraut habe.
Im weiteren Verlauf belasten auch Bekannte und Nachbarn die Angeklagte. Eine Nachbarin berichtet unter Tränen, Gina H. habe sich nach dem Leichenfund vor allem über die mediale Aufmerksamkeit beschwert und gesagt: “So nett war Fabian gar nicht. Der hat seit Jahren versucht, uns auseinanderzubringen.”
Gina H. will im August aussagen
Nach 19 Verhandlungstagen wird der Prozess noch nicht abgeschlossen sein, am 6. August wird er fortgesetzt. Dann soll auch Gina H. erstmals selbst zu den Vorwürfen Stellung nehmen. Wie und in welchem Umfang, ist bislang offen. Bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt für sie die Unschuldsvermutung.








