Lebt Timmy noch? So deuten Experten die rätselhaften Signale aus der Nordsee

Timmy ist theoretisch frei in der Nordsee. Doch sein Tracker liefert keine Position, und Fachleute haben einen ernüchternden Verdacht.
Die Rettungsaktion, die ganz Deutschland bewegte: Ein Buckelwal, von manchen liebevoll „Timmy“ genannt, von anderen „Hope“, war mehrfach in der Ostsee gestrandet. Eine Privatinitiative wollte ihn retten und brachte ihn auf einer Barge in die Nordsee. Doch seitdem herrscht Stille. Wo ist der Wal? Lebt er überhaupt noch? Ein Sender soll die Antwort kennen. Doch ob er das wirklich tut, ist höchst fraglich.

Am Samstag wurde der Buckelwal unter ungeklärten Umständen in der Nordsee ausgesetzt. Seitdem, etwa fünf Tage später, ist sein Verbleib unklar. Die Privatinitiative gibt sich dennoch zuversichtlich: Man empfange Signale des am Tier angebrachten Senders. Karin Walter-Mommert, eine Hauptsponsorin der Aktion, sagte dem Spiegel, man habe allein am Dienstag bis zum Nachmittag neun Signale erhalten. Alles spreche laut ihr dafür, dass der Wal noch lebe. Doch ausgerechnet die so wichtigen Positionsdaten fehlen bis heute.
Sender ohne Wal-Standort: Was die Signale wirklich verraten
Wie funktioniert ein solcher Sender überhaupt? Helena Herr, Meereswissenschaftlerin an der Universität Hamburg und am Alfred-Wegener-Institut, erklärt es gegenüber dem Spiegel: Gängige Sender für Meerestiere nutzen das satellitengestützte System Argos. Signale können nur dann übertragen werden, wenn der Wal auftaucht und ein Satellit gerade in Reichweite ist. Fehlen dauerhaft Positionsdaten, sei das ein deutliches Zeichen:
Wenn das jedoch dauerhaft passiert, deutet das darauf hin, dass der Sender nicht funktioniert.
Ein weiteres Problem könnte die falsche Montage des Senders sein. Wissenschaftlerin Herr betont, nur geschulte Fachleute sollten Tiere mit Sendern versehen, und das Gerät müsse vorab getestet werden. Beides ist laut der Privatinitiative nicht geschehen. Die Körperstelle, an der man den Sender befestigt, ist außerdem entscheidend. „Wenn man den Sender in die Seite des Wals schießt, dann ist das nicht das Körperteil, das auftaucht“, so Herr. Tierärztin Kirsten Tönnies räumte nach ihrer Rückkehr ein, sie habe selbst nicht gewusst, wie das Gerät funktioniere. Zwischen ihr und der Crew soll es mehrfach zu Auseinandersetzungen gekommen sein, die kürzlich von dem Kapitän zurückgewiesen wurden.
Auch die Politik meldet sich zu Wort. Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) kritisierte öffentlich mangelnde Transparenz der Initiative. Er hatte sich vor dem Transport zusichern lassen, dass ein Sender angebracht wird, mit dem die Position des Wals bestimmt werden kann. Die versprochenen Daten blieben aus. Wissenschaftlerin Anja Gallus vom Deutschen Meeresmuseum forderte die Initiative ebenfalls auf, die Senderdaten zu teilen. „Nur so kann die Gruppe belegen, dass ihre Aktion ein Erfolg war“, sagte sie laut dem Spiegel.
Was bleibt, ist Ungewissheit. Die Rettung von Timmy entwickelte sich zum meistdiskutierten Naturschutz-Drama der jüngeren deutschen Geschichte. Das Deutsche Meeresmuseum erklärte zuletzt, der Wal sei wahrscheinlich tot. Doch Robert Marc Lehmann, Diplom-Biologe und YouTuber mit über einer Million Abonnenten, lehnt sich gegen dieses Urteil auf. In seinem Livestream sagte er: „Ich kann euch nicht sagen, ob der Wal lebt, ich kann nur sagen, das Meeresmuseum liegt falsch.“




